Social-Media-frei

Der Podcast für Marketing ohne Likes, Reels & Selfies


Mock-up eines Smartphones mit dem Podcast ‚Social-Media-frei‘ von Alexandra Polunin – Folge: „Ein kritischer Blick auf Social-Media-Coaches“

Worum geht’s?  

In diesem Podcast nehme ich soziale Medien kritisch unter die Lupe und spreche darüber, wie Selbstständige online sichtbar werden können, ohne ständig ihr Frühstück auf Insta zu posten.

Es geht um „immergrüne“ Marketingstrategien und darum, wie Selbstständige entspannt und nachhaltig ihre Produkte oder Dienstleistungen verkaufen.

Dauergeposte und Dauerhustle nicht nötig!

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Marketing ohne Social Media, Persönliches Alexandra Polunin Marketing ohne Social Media, Persönliches Alexandra Polunin

Ein halbes Jahr Podcast

Heute wird mein Podcast ein halbes Jahr alt. Ich fühle mich ein bisschen so wie eine frischgebackene Mama, die das Alter ihres Kindes noch in Wochen zählt. Und ich wollte in dieser Podcastfolge ein kleines Resümee ziehen und dir verraten, wie das mit dem Podcast als Social-Media-freier Alternative so für mich funktioniert.

Heute wird mein Podcast ein halbes Jahr alt.

Und ich fühle mich ein bisschen so wie eine frischgebackene Mama, die das Alter ihres Kindes noch in Wochen zählt. Und ja, deshalb weiß ich ganz genau: 

Heute hat mein Podcast einen halben Geburtstag!

Und ich wollte in dieser Podcastfolge ein kleines Resümee ziehen und dir verraten, wie das mit dem Podcast als Social-Media-freier Alternative so für mich funktioniert. 

Folge anhören:

Transkript lesen:

Wenn du selbst hin und her überlegst, ob ein Podcast ein geeigneter Social-Media-freier Marketingkanal für dich sein könnte, dann könnte diese Folge spannend für dich sein.

Denn ich nehme dich heute mit hinter die Kulissen dieses Podcasts und spreche darüber, 

  • wie Podcasting im Alltag für mich so funktioniert hat in den letzten sechs Monaten 

  • welche Rolle der Podcast nun in meinem eigenen Marketing spielt 

  • und auch ob ich schon Resultate durch den Podcast sehe

Doch beginnen möchte ich damit, warum ich erst so spät in das Podcast-Game eingestiegen bin. 

Vielleicht weißt du, dass ich bereits seit knapp acht Jahren selbstständig bin und es damit 7,5 Jahre bis zu diesem Podcast gedauert hat und das hatte gleich mehrere Gründe: 

Ich dachte immer, das Sprechen ist nichts für mich. Die Technik hinter einem Podcast ist viel zu kompliziert und dass ich außerdem ja viel, viel lieber schreibe und mich deshalb lieber auf meinen Blog und meinen Newsletter und meine Bücher konzentrieren möchte.

Und ja, heute, ein halbes Jahr später, muss ich sagen: Ich lag falsch mit meiner Selbsteinschätzung. 

Zunächst einmal ist Sprechen in ein Mikro vielleicht etwas ungewohnt zu Beginn, das gebe ich durchaus zu, aber es ist etwas, woran ich mich super schnell gewöhnt habe. 

Das ging mir mit der Kamera zum Beispiel nicht so. Also für Social Media fiel es mir zu Beginn auch schwer, mich vor die Kamera zu stellen und Storys oder Videos zu drehen. 

Und das wurde vielleicht so ein bisschen besser mit der Zeit, aber es fällt mir ehrlich gesagt auch noch heute, nach Jahren, nicht sooo leicht, in eine Kamera zu sprechen. Und mit dem Podcast war es da zum Glück anders.

Ich weiß noch, in meinen allerersten Podcastfolgen bin ich nach fünf Minuten oder so schon heiser beim Sprechen geworden, weil ich einfach so nervös und so verkrampft war beim Sprechen und vermutlich nicht richtig geatmet habe. Und das hat sich aber nach ein paar Wochen gelegt. 

Also ich bin jetzt natürlich immer noch keine professionelle Sprecherin und alle, die mehr Erfahrung haben, hören vermutlich, dass ich hier und da nicht gut atme.

Aber es ist schon so viel besser geworden. D.h. wenn ich jetzt heute aufnehme, ist es so, als würde ich halt zu jemand anderem sprechen, und bin da relativ entspannt.

Also es fühlt sich vielleicht immer noch nicht so zu 100% natürlich für mich an, aber es kommt da mit jeder Aufnahme ein bisschen näher dran und das hat mich schon eher positiv überrascht.

Und die Erkenntnis ist: Das Einsprechen ist wirklich Übungssache. Man gewöhnt sich da relativ schnell dran, sogar wenn man denkt: Man ist jetzt nicht unbedingt die geborene Entertainerin. 

Aber im Alltag reden wir ja alle auch und da klappt es ja auch. Und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir uns nach ein paar Wochen an das Mikro gewöhnen.

Eine andere Theorie, die ich immer hatte, war, dass die Technik hinter einem Podcast ja viel zu kompliziert sei. Und auch hier muss ich sagen, ist das eine absolute Gewohnheitssache bei mir gewesen.

Ich hab tatsächlich die Podcastproduktion nicht oder noch nicht ausgelagert. 

Das liegt vor allem daran, dass mir das im Augenblick noch ein bisschen zu sehr Spaß macht, das selbst zu machen und ich das gerade auch gar nicht auslagern will. 

Denn wenn ich zu Social-Media-freiem Marketing berate, will ich natürlich auch so viel wie möglich über das Podcasting lernen, um meinen Kund*innen da auch Tools oder Programme empfehlen zu können.

Und ja, vermutlich werde ich mir da auch demnächst Unterstützung holen, aber wie gesagt: Es ist gerade alles selfmade und deshalb kann ich guten Gewissens sagen: Die Technik ist auch absolut lernbar und bezahlbar. 

Ich glaube, das war eine meiner größten Sorgen, dass ich völlig überfordert von der ganzen Technik wäre und regelmäßig an den Aufnahmen oder an der Bearbeitung der Tonspur verzweifeln würde. Doch auch das hat sich überhaupt nicht bewahrheitet.

Zum einen weil es einfach super viele verschiedene Tools für die Podcastproduktion gibt, sodass man eigentlich vor allem die Bereitschaft braucht, da mal ein bisschen zu testen und eigentlich relativ bald etwas findet, was zu einem passt.

Und zum anderen, weil es jetzt durch KI einfach so viele Möglichkeiten gibt, die es vielleicht vor noch ein, zwei Jahren so nicht in dieser Qualität gab. Also ich denke zum Beispiel an die Optimierung des Sounds und das Transkripterstellen. Das lässt sich jetzt alles super mit KI machen.

Man muss halt einfach nur wissen, was man da wozu nutzen kann. Und ja, deshalb ist es echt mehr eine Rechercheaufgabe und am Anfang verschiedene Tools etwas Testen, als dass man jetzt wirklich großartig technisches Know-how braucht. Aus meiner Sicht.

Und schließlich meine dritte Sorge, dass der Podcast nicht zu meinen Fähigkeiten passt, weil ich ja viel lieber schreibe.

Und auch hier, muss ich sagen, wurde ich eines Besseren belehrt, denn Podcasting hat viel mehr mit Schreiben zu tun, als ich früher immer dachte.

Das ist bei Interviews vielleicht anders, aber bei Solo-Folgen ist es schon so, dass ich mir ein relativ ausführliches Skript erstelle. Das heißt, hier beginnt jede Folge auf dem Papier und ich schreibe immer erst einmal meine Gedanken zum Thema auf, bevor ich in ein Mikro spreche. 

Das mache ich bei jeder Folge so.

Und tatsächlich sehe ich es inzwischen auch als eine gute Übung, so zu schreiben, wie ich spreche. Und nicht so verschachtelt oder verkopft zu schreiben.

Ich habe in den letzten Wochen tatsächlich auch schon ein paar Mal das Feedback bekommen, dass sich auch meine Newslettertexte verändert hätten. Und ich glaube, das liegt daran, dass Podcastskripte erstellen auch das eigene Schreiben verändern kann, wenn man es zulässt. 

Bei mir ist es definitiv so geschehen, würde ich sagen. Deshalb ja: Ist die Vorbereitung der Podcastfolgen eine schreibende Angelegenheit bei mir. Und deshalb hat sich herausgestellt, dass ein Podcast absolut etwas für mich ist, sogar oder vor allem dann, wenn ich gerne schreibe.

So, und nun können wir ja ein bisschen tiefer reingehen in die Podcast-Produktion und mal darüber reden, wie so ein Podcast-Alltag eigentlich aussieht. 

Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass meine Podcastfolgen relativ meistens kurz sind. Und da kann ich nur sagen: Ich hätte früher nicht gedacht, wie viel Aufwand schon hinter einer fünfzehnminütigen Podcastfolge so stecken kann.

Und ich bekomme tatsächlich auch öfter mal die Rückmeldung, dass die Folgen gerne auch länger sein dürften. 

Aber die Wahrheit ist, dass ich die Kürze der Folgen auch für mich als Podcast-Produzierende als extrem angenehm empfinde. 

Also so, dass es mich nicht überfordert und sich realistischerweise in meinen Alltag integrieren lässt. Und darauf kommt es ja letzten Endes auch an.

Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich am Ball geblieben wäre, wenn ich immer 60-minütige Folgen oder so veröffentlichen würde. Das wäre für mich einfach, glaube ich, nicht machbar von der Zeit her.

Und dann ist es bei mir so, dass ich die Podcast-Produktion batche. Also ich beschäftige mich jetzt nicht jeden Tag ein bisschen mit dem Podcast, sondern ich blocke mir – das sind meist – zwischen etwa drei bis fünf Tagen am Stück pro Monat für den Podcast. 

Das kommt einfach darauf an, wie lang die Folgen sind oder ob ich vielleicht auch mal eine Sonderfolge mache oder ob da auch mal ein Interview dabei ist usw.

Aber meist sind es, wie gesagt, etwa drei Tage pro Monat.

Und meist überlege ich mir so 4–5 Themen und erstelle ein Skript. Dann nehme ich die Episoden auf und schneide sie und bearbeite sie und plane das Ganze dann ein. Und ja, damit ist das Thema Podcast dann auch weitestgehend erledigt für diesen Monat und ich kann mich dann anderen Dingen widmen. 

Und ich muss sagen, das ist schon ein sehr angenehmer Workflow. Also es ist jetzt nicht, dass ich dann gar nicht mehr an den Podcast denke. Ich hab schon manchmal den Gedanken: Oh, diese Folge will ich jetzt mal im Newsletter ankündigen und dann mache ich es natürlich auch. Oder ich veröffentliche das Transkript zu meiner Podcastfolge auf meiner Website oder binde den Spotify-Code ein, damit man sich die Folge auch auf meiner Website anhören kann. Aber das dominiert meinen Tag überhaupt nicht, sondern ich mache es halt, wenn ich Zeit dafür habe. 

Und wenn ich gerade keine Zeit dafür habe oder nicht daran denke, dann ist es so und dann ist es überhaupt kein Drama.

Das war zum Beispiel bei Social Media ganz anders. Da hing der Gedanke wie ein Schatten über mir, also dass ich noch was posten muss, und hat mir ganz viel Druck gemacht im Alltag. 

Ist natürlich total individuell. Also es kann sein, dass dich der Gedanke, etwas posten zu müssen, überhaupt nicht stresst. Mich hat es halt total gestresst.

Und das ist jetzt beim Podcast wie gesagt überhaupt nicht der Fall. 

Das liegt vielleicht auch daran, dass das Wissen, dass ich mit dem Podcast immergrüne Inhalte produziere, also Folgen, die sich Menschen auch noch nach Wochen oder sogar Monaten oder gar Jahren anhören können, mir ein gutes Gefühl gibt und mich auch motiviert, das eben zu tun.

Und das Wissen, dass ich etwas auf Instagram poste, was morgen schon niemanden mehr interessieren wird, hat mich nicht so motiviert, muss ich sagen. 

Und beim Podcaststart im Oktober war es dann so, dass der Podcast gleich in die Top 10 in der Kategorie Marketing eingestiegen ist. In Deutschland auf Platz 5 und in Österreich auf Platz 6. Und jetzt nicht, dass das furchtbar wichtig wäre, aber es war natürlich schön zu sehen, dass das Thema Menschen interessiert und sie gleich zu Beginn reingehört haben.

Es ist jetzt so, dass die Folgen dreistellige Downloadzahlen haben, mal höher, mal niedriger, je nach Thema. Und wenn ich mir so die letzten Monate angucke, dann ist das noch eine kleine Berg- und Talfahrt. Das heißt: Einen Monat geht es hoch mit den Downloadzahlen, dann geht es wieder runter. Dafür geht es dann im nächsten Monat wiederum ein Stückchen höher und so weiter.

Das heißt, bei mir ist es kein lineares Wachstum mit dem Podcast, sondern es kommt in Wellen und ja.

Ich hab dann auch von einigen Menschen das Feedback bekommen, dass sie zwar in den Podcast reingehört haben, aber einfach viel, viel lieber lesen. Und deshalb hab ich dann im Januar auch angefangen, Transkripte für die Podcastfolgen einzubinden auf meiner Website. Und das war, glaube ich, eine super Idee. Da habe ich tatsächlich einige Rückmeldungen bekommen, dass das eine gute Sache für sie sei.

Und ja, ich glaube auch, dass es super ist, Menschen die Wahl zu geben, ob sie lieber die Folge anhören oder lieber das Transkript lesen wollen. Und deshalb werde ich das auf jeden Fall auch in Zukunft so beibehalten.

Vermutlich interessiert dich nun am brennendsten, was der Podcast nun genau fürs Marketing bedeutet.

Und da ist es so, dass mich natürlich erst einmal grundsätzlich alle Optionen interessieren, die ohne Social Media auskommen. Und ich da erst einmal völlig offen und unvereingenommen war, was der Podcast denn nun jetzt konkret mir bringt. 

Das heißt: Ich hatte jetzt nicht wirklich eine konkrete Erwartung, sondern bin wirklich mit dem Gedanken reingegangen: Ich bin gespannt zu sehen, was geht.

Und als dann der Podcast im Oktober rausgekommen ist, ist da noch nicht sooo viel passiert. Das heißt: Es war schon so, dass sich Menschen die Folge angehört haben und mir geschrieben haben, wenn ihnen die Folge gefallen hat, aber sonst gab es keine messbare Auswirkung.

Ich weiß, es wäre so schön, wenn ich jetzt erzählen könnte: Ich hab einen Podcast gestartet und dann wurde alles anders.

Aber so war es nicht. Es ist erst einmal alles gleich geblieben. Übrigens wie meistens, wenn man einen Blog startet, eine Website veröffentlicht oder einen Newsletter startet.

Aber der Punkt war so ab 2,5–3 Monaten, wo mir Menschen anfingen zu schreiben: 

„Hey, ich hab deinen Podcast entdeckt und hab alle Folgen durchgesuchtet.“

Und das war quasi ein Zeitpunkt, wo ich etwas mehr als zehn Folgen veröffentlicht hatte und wo Menschen sich dann durchaus mehrere Folgen am Stück anhören konnten.

Und diese Phrase „Podcast durchgesuchtet“ – die bekomme ich seitdem regelmäßig.

Also, wie gesagt, die ersten 2,5 bis 3 Monate: nicht so viel.

Und danach immer öfter: „Podcast durchgesuchtet“

Und dann ging es irgendwann auch einen Schritt weiter und Menschen schrieben mir: 

„Ich hab deinen Podcast durchgesuchtet und mir gleich dein Kursbundle gekauft.“

Oder:

„Ich hab deinen Podcast durchgesuchtet und wär jetzt gerne beim Schreibcirlce dabei.“

Das heißt: 3–4 Monate nach Start war der Zeitpunkt bei mir, wo der Podcast anfing, sich tatsächlich auch auf Verkäufe auszuwirken. 

Und deshalb kann ich jetzt nach sechs Monaten sagen, dass es sich schon jetzt auf jeden Fall gelohnt hat, den Podcast zu starten. Also schon jetzt.

Und die Zeit und die Energie, die ich in diesen Podcast stecke, eine gute Investition für mich persönlich sind. 

Und ja, abschließend vielleicht ein kleines Resümee des Resümees:

  1. Podcasting ist sowas von eine Übungssache. Das Sprechen, die Technik usw. lassen sich allesamt gut üben und werden irgendwann einfach normaler Alltag und nichts Besonderes mehr, was einen nervös machen muss.

  2. Podcasting hat viel mehr mit Schreiben zu tun, als man denken könnte. Denn die Folgen beginnen sehr häufig auf dem Papier. Wir machen uns intensiv Gedanken, was wir dann in der Folge sagen werden, vielleicht erstellen wir uns sogar ein Skript oder formulieren Interviewfragen.

  3. Selbst kurze Folgen brauchen einiges an Zeit. Und deshalb würde ich immer wieder mit kurzen Folgen starten. Und ich würde auch jedem Menschen, der überlegt, einen Podcast zu starten, aber nicht sicher ist, ob er das zeitlich unterkriegen kann, auch raten, mit kurzen Folgen zu starten. Man kann das ganze Podcastthema jederzeit noch größer ausbauen und tiefer gehende Folgen machen oder Interviews dazunehmen. Aber kurze Folgen und dafür wirklich wöchentlich veröffentlichen war für mich persönlich eine gute Strategie, um das Ganze dann auch tatsächlich durchzuziehen.

  4. Es hilft ungemein, und ich weiß, ich wiederhole mich hier, wöchentlich Folgen zu veröffentlichen, einfach weil man dadurch so sehr schnell Routine bekommt und die Podcastfolgen auch schnell auf eine Zahl anwachsen, die Menschen, wie gesagt, „durchsuchten“ können. Und deshalb: kurze Folgen ist eine gute Strategie dafür. Und schließlich:

  5. Der Podcast hilft tatsächlich beim Verkaufen. Hier ist meiner Erfahrung nach Kontinuität das Wichtigste. Also: Nicht gleich nach drei Folgen aufgeben, sondern drei weitere machen. Und dann nochmal drei weitere. Und dann nochmal. Und dann nochmal.

Shownotes:

Website

Buch „No Social Media!“

Buch „Don’t be evil“

Newsletter

Onlinekurse

Weiterlesen
Schreiben Alexandra Polunin Schreiben Alexandra Polunin

Du denkst, du kannst nicht schreiben?

Du denkst, du kannst nicht schreiben? Lass mich dir in dieser Podcastfolge das Gegenteil beweisen und mit ein paar Mythen über Schreibprozesse und veröffentlichte Texte aufräumen. Auch bei akuten Selbstzweifeln sehr zu empfehlen.🤘

Du kannst schreiben! 

Und ich meine das jetzt nicht in dieser „Du bist so toll und kannst alles erreichen, was du dir vornimmst“- oder „Es ist alles nur Mindset, glaub an dich!“-Art und Weise, sondern auf eine etwas andere Art und Weise.  

Und was genau ich damit meine, darum soll es in dieser Podcastfolge gehen.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Ja, wenn du selbstständig bist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass du eine Menge schreiben musst, vor allem wenn du auf Marketing ohne Social Media setzt. Deine Websitetexte zum Beispiel oder Blogartikel oder Newsletter oder vielleicht sogar ein Buch. 

Was du alles schreiben kannst, das wird nicht Thema dieser Podcastfolge sein. Dazu gibt es schon eine Folge mit dem Titel „Schreiben als Marketingstrategie“. Die verlinke ich dir zur Sicherheit noch einmal in den Shownotes.

In dieser Folge geht es mir eher um einen Gedanken, der bei sehr vielen Selbstständigen und Onlineunternehmer*innen entsteht, wenn sie etwas schreiben und das ist der Gedanke:

„Ich kann nicht schreiben.“

Das ist kein angenehmer Gedanke. Er setzt sich gerne mal fest. Er demotiviert und es ist manchmal gar nicht so leicht, diesen Gedanken umzuformulieren, geschweige denn, ihn wieder loszuwerden. 

Und ja, letzten Endes hält dieser Gedanke viele Menschen davon ab, entweder in ihrem Marketing auf schreibende Strategien zu setzen und Social Media zu verlassen oder sich vielleicht sogar den Traum vom eigenen Buch zu erfüllen.

Wenn wir uns angucken, was hinter dem Gedanken „Ich kann nicht schreiben“ steckt, stellen wir fest, dass es verschiedene Auslöser gibt. 

Und die würde ich jetzt gerne mal unter die Lupe nehmen. Auslöser Nummer 1:

„Das Schreiben fällt mir schwer.“

Wir haben ja alle diese Idealvorstellung vom Schreiben, dass, keine Ahnung, uns die Muse küsst und wir dann total inspiriert sind und in einem noch nie da gewesenen Flow und Tempo den perfektesten Text aller Zeiten produzieren, ohne einmal darüber nachzudenken oder an sich zweifeln.

Und vielleicht kommst du an diese Idealvorstellung nicht heran und vielleicht ist es bei dir sogar das Gegenteil. Vielleicht sitzt du oft vor einem weißen Blatt, du zweifelst oft an dir, du löschst manchmal die Sachen, die schreibst, du hast wenige Ideen.

Und ja: Deshalb liegt für dich vielleicht der Schluss nahe, dass du einfach nicht schreiben kannst. Denn es flutscht bei dir einfach nicht, wie man es halt so kennt, sondern ist mühsam.

Und die Wahrheit ist, dass, ob dir das Schreiben leicht fällt oder schwer, dass das nichts, aber auch so gar nichts darüber aussagt, wie gut dein Text letzten Endes wird – und ob du schreiben kannst.

Ich würde vielleicht vermuten, dass dein Schreibprozess einfach noch nicht so entwickelt ist, wie er sein könnte, um wirklich produktiv zu schreiben. Und da gibt es einige Dinge, die man tun kann.

Doch nur weil dein Schreibprozess noch nicht so ganz passt, heißt es nicht, dass deine Texte nicht gut sind.

Vielleicht weißt du, dass ich in den letzten Monaten ein vierhundertseitiges Buch geschrieben habe, das bald im Juni erscheinen wird, im Rheinwerk Verlag. Und da war es natürlich auch so, dass mir das Schreiben nicht jeden Tag gleich leicht fiel. Also ich hatte natürlich mal gute Tage und mal okay Tage und manchmal hatte ich ganz furchtbare Tage, wo ich mir jedes Wort aus der Nase ziehen musste. 

Aber das Interessante ist, dass ich im Nachhinein, wenn ich das Manuskript noch einmal lese, gar nicht mehr genau sagen kann, welche Passagen mir leicht fielen zu schreiben und welche schwer. Das kann man oft gar nicht mehr voneinander unterscheiden.

Und deshalb lautet meine erste Erinnerung an dich, wenn du an deinen Schreibfähigkeiten zweifelst: 

Dein Schreibprozess und der fertige Text sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Ein Flow muss nicht automatisch bedeuten, dass ein guter Text entsteht. Oder andersrum: Selbst wenn dir das Schreiben schwer fällt, kann es sein, dass ein total toller Text daraus entsteht. Alles ist möglich.

Gehen wir weiter zu einem zweiten Auslöser, der eng damit verknüpft ist, und das ist der Gedanke:

„Schreiben ist so anstrengend.“

Also nicht nur so, dass es nicht fließt und wir nicht in den Flow kommen, sondern dass du dir gefühlt jedes Wort aus der Nase ziehen musst. Und dass du dich nach dem Schreiben fühlst, als wärst du einen Marathon gelaufen, oder sogar, dass es für dich auch emotional anstrengend ist, über bestimmte Themen zu schreiben.

Und auch da kann ich dir versichern: 

Nur weil etwas anstrengend ist, heißt es nicht, dass du es nicht kannst.

Nehmen wir zum Beispiel mal den Sport. Es kann ziemlich anstrengend sein, Sport zu machen und beispielsweise 10km oder noch mehr zu laufen. Du kommst ins Schwitzen, du kommst aus der Puste, deine Muskeln werden beansprucht.

Doch das heißt ja nicht, dass du nicht laufen kannst, denn genau dasselbe passiert ja bei Profisportler*innen auch, wenn sie trainieren. Vielleicht nicht unbedingt bei 10km, dann vielleicht bei einer größeren Distanz. Aber es ist auch bei Profi-Sportler*innen so, dass ihr Training sie anstrengt.

Nun würde man ja niemals auf die Idee kommen zu sagen:

„Also wenn Laufen für dich anstrengend ist (oder Sport für dich anstrengend ist), dann kannst du halt nicht laufen (oder Sport machen).“ 

Sondern es ist irgendwie allen klar, dass Anstrengung zum Training dazu gehört, sonst wäre es ja kein Training, sondern ein Spaziergang oder eine Netflix-Session auf der Couch.

Und so ist es auch beim Schreiben.

Wenn wir Schreiben, trainieren wir. Und das kann mal ein lockeres Trainieren sein und mal ein Training sein, das total an die Substanz geht. Und es kann auch mal etwas mittendrin sein. Und alles gehört zum Schreiben dazu. Alles ist Teil des Schreibens. Und deshalb ist auch Anstrengung Teil des Schreibens.

Ich würde auch immer auch gucken, was nach der Anstrengung passiert. Denn auch hier gibt es ja witzige Parallelen zwischen dem Laufen und dem Schreiben, nämlich das sogenannte Runner’s High oder eben der Writer’s High, also ein Hochgefühl, das sich einstellt, nachdem man etwas Anstrengendes gemeistert hat. Das gibt es auch beim Schreiben.

Und wenn es dir so geht, dass du nach einem vielleicht anstrengenden Schreiben das Endprodukt in deinen Händen hältst und denkst „Ja, ist doch ganz gut geworden“, dann weißt du, dass sich deine Anstrengung gelohnt hat.

Kommen wir zu Gedanken Nummer 3 und das ist:

„Alle anderen schreiben bessere Texte als ich.“

Also vielleicht hast du eine Lieblingsautorin oder einen Lieblingsblogger oder eine Person, die wahnsinnig tolle Newsletter schreibt.

Und dann guckst du dir das an, was du schreibst, und denkst dir: 

„Gott, ich wünschte, ich könnte so schreiben wie Person X. Meine Texte hören sich einfach furchtbar an. Ich kann nicht schreiben.“

Und hier kann ich dich nur daran erinnern, dass alle Menschen, die schreiben, ihre eigenen persönlichen Herausforderungen haben. Alle. Auch ich und alle anderen, die schreiben.

Angenommen, jemand hat einen Bestseller geschrieben. Dann hat es diese Person vermutlich in ihren Augen nicht gleich „geschafft“, sondern diese Person macht sich vielleicht Gedanken um das zweite Buch und ob das zweite Buch mit dem ersten mithalten kann. Oder ob man vielleicht ein „One Hit Wonder“ bleibt, usw.

Angenommen, jemand schreibt tolle Blogartikel aus deiner Sicht. Du weißt aber nie, wie viel Arbeit und Mühe hinter so einem Text überhaupt stehen. Ob die Person, die den Text geschrieben hat, das im Flow geschrieben hat oder ob sie nicht auch viel mit Selbstzweifeln zu kämpfen hatte. Ob sie den Text vielleicht dutzende Male überarbeiten musste, bis sie sich wohl damit fühlte, ob sie den Text vielleicht ein halbes Jahr liegengelassen hat, wie es bei mir zum Beispiel sehr häufig der Fall ist. Also Texte, die wirklich etwas Persönliches von mir teilen, die bleiben meistens Monate in meinem Entwürfe-Ordner, weil ich mich erst trauen muss, sie zu veröffentlichen.

Wir wissen überhaupt nichts über andere Schreiberlinge und ich hab ja schon gesagt, dass es überhaupt nicht sinnvoll, vom Text auf den Schreibprozess zu schließen, und dass es deshalb durchaus sein kann, dass dein Lieblingstext – dein Lieblingsbuch, dein Lieblingsblogartikel, deine Lieblingspodcastfolge, was auch immer – einen total intensiven, anstrengenden Entstehungsprozess hinter sich hat und der Mensch, der diesen Text, der diesen Text geschrieben hat, hat damit zu kämpfen hatte.

Wir wissen nicht, wie viel Zeit und Energie und Geld hinter einem Text steckt. Wie lange und wie intensiv daran gefeilt wurde. Und das würde ich immer im Hinterkopf behalten, wenn du dich zu sehr in der Bewunderung für einen Text verlierst.

Kommen wir zu Punkt Nummer 4 und das ist:

„Mein Text ist zu kurz.“

Alternativen sind auch: 

„Mein Text ist zu lang.“

„Mein Text ist zu kühl.“

„Mein Text ist zu emotional.“

Vielleicht kennst du diese „zu“-Gedanken auch, also dass die Art, wie du schreibst, nicht in Ordnung ist.

Und wenn du vielleicht schon mal in einem meiner Schreibcircles dabei warst, weißt du, dass ich gerne daran erinnere, dass alle Texte willkommen sind.

Kurze Texte sind willkommen.

Lange Texte sind willkommen.

Kühle Texte sind willkommen.

Emotionale Texte sind willkommen.

Es gibt immer Menschen, die lieber kurze als lange Texte lesen oder umgekehrt.

Oder Menschen, die lieber kühle Texte als emotionale Texte lesen oder umgekehrt.

Und deshalb ist es erst einmal völlig egal, wie du schreibst. Und es gibt keine Norm, die es zu erfüllen gilt.

Das stimmt natürlich nicht so ganz, wenn du beispielsweise soziale Medien nutzt und klar ist, auf Instagram kann eine Caption maximal 2200 Zeichen lang sein, dann hast du natürlich eine gewisse Begrenzung.

Aber wenn ich an Websitetexte, Blogartikel, Podcastfolgen, Newsletter und so weiter denke, dann ist im Prinzip alles erlaubt und es gibt immer Menschen, die lieber das eine oder das andere mögen.

Und deshalb kann man eben auch nicht sagen, das eine ist besser als das andere.

Nehmen wir zum Beispiel mal meinen Podcast.

Ich hab am Anfang viele Rückmeldungen bekommen, die gesagt haben: „Cool, dass deine Folgen so kurz sind. Ich finde kurze Folgen auch besser als lange.“

Ich hab aber auch Rückmeldungen bekommen, die gesagt haben: „Also ich höre lieber längere Folgen. Deine Folgen sind ja gleich vorbei, wenn man sie anmacht.“

Und statt jetzt zu versuchen, es allen Menschen und Geschmäckern rechtzumachen, kann ich auch einfach sagen: 

Mein Stil sind eben eher kürzere Folgen. Und es gibt Menschen, die das mögen, und andere, die das nicht mögen. Und alles ist okay.

Und genauso können wir es auch mit dem Schreiben sehen.

Vielleicht sind die Texte, die du schreibst, kurz.

Vielleicht sind sie auch lang.

Vielleicht sind sie auch durchschnittlich.

Doch nichts davon bedeutet, dass du nicht schreiben kannst, sondern es heißt einfach nur, dass du einen besonderen Stil hast, ein Alleinstellungsmerkmal, das deine Texte besonders macht. 

It’s not a bug, it’s a feature! 

Kommen wir zu dem Gedanken 5 und das ist:

„Der Blogartikel / der Newsletter / das Buch / was auch immer von einer anderen Person ist so gut – das, was ich schreibe, ist im Vergleich dazu so schlecht. → Ich kann nicht schreiben.“

Das ist vermutlich eine der wichtigsten Erinnerungen, die du heute hören wirst. Und das ist: 

„The first draft of everything is shit.“

Das sagte schon Hemingway bekanntermaßen und das bedeutet, dass du niemals fertige, veröffentlichte Texte mit deinem unfertigen Entwurf vergleichen solltest. Niemals!

Ich kann dir ja mal erzählen, wie das bei meinem Verlagsbuch so ist. 

Ich habe es selbst mehrere Male überarbeitet, das Manuskript, also wirklich so oft, dass ich es kaum mehr zählen kann, wie oft. Und nach dem Schreiben guckt dann ja auch noch ein Lektor drüber, beim allerersten Kapitel sogar zwei Lektoren, weil es eben so wichtig ist. 

Dann kommt das Manuskript in ein Fachgutachten, wo sich jemand den Inhalt nochmal genauer vornimmt, dann kommt das Manuskript in die Sprachkorrektur, um sicherzustellen, dass da auch wirklich jedes Komma auf dem richtigen Platz steht. 

Und das Buch, das dann letzten Endes im Regal in der Buchhandlung stehen wird – im Juni –, hat nur noch sehr, sehr wenig mit meinem allerersten Entwurf zu tun, den damals zum Glück nur ich gesehen habe, denn da ist seitdem eine Menge, eine Menge Arbeit reingeflossen. Von sehr vielen Menschen.

Und wenn du jetzt anfangen würdest, deinen allerersten Entwurf für ein Kapitel zum Beispiel mit einem fertigen Buch im Geschäft zu vergleichen, wäre das so, als würdest du eine Raupe mit einem Schmetterling vergleichen. Der Schmetterling hat einfach schon ein paar Prozesse hinter sich. Und deshalb sieht er eben so aus, wie er aussieht, und nicht anders.

Und statt deine Entwürfe mit fertigen Blogartikeln, Newslettern oder Büchern zu vergleichen, kannst du die Zeit auch einfach nutzen, um weiterzuschreiben.

Denn genau das unterscheidet die Menschen, die viel veröffentlichen, von Menschen, die nichts oder wenig veröffentlichen: 

Sie schreiben.

Es ist also nicht so, dass sie besser schreiben als du. Nein, sie schreiben einfach nur.

Und schließlich Gedanke Nummer 6:

„Mein Text ist nicht perfekt. Also kann ich nicht schreiben.“

Ich glaube, nur wenige Mythen halten sich so hartnäckig, als dass es eine gewisse Perfektion gäbe, die Texte erreichen könnten.

Was soll ein perfekter Text sein? Ich habe keine Ahnung. 

Wichtig sind mir vor allem zwei Dinge:

1. Ich glaube, dass Menschen inzwischen den gebügelten, aalglatten, austauschbaren Content satthaben und sich gerade nach dem Unperfekten und Realen sehnen. Deshalb ist es überhaupt kein Problem, wenn du dich vielleicht nicht so ausdrückst, wie es deine Deutschlehrerin von dir wollte. Oder es nicht schaffst, einen Text so zu schreiben, wie du es dir zurechtgelegt hast. Das Wichtigste ist, dass du ihn einfach schreibst.

2. Jeder Text lässt sich überarbeiten.

Ein schlechter Text kann okay werden, ein okayer Text mittelmäßig, ein mittelmäßiger Text gut, ein guter Text sehr gut und ein sehr guter Text phänomenal.

Dass dein Text noch nicht gut ist oder sehr gut oder phänomenal, heißt deshalb nicht, dass du nicht schreiben kannst, es heißt einfach nur, dass dein Text Überarbeitung braucht. Wie jeder andere Text übrigens auch. Nicht mehr und nicht weniger.

So, ein kleines Fazit am Ende: 

Wenn du Buchstaben zu Wörtern, Wörter zu Phrasen, Phrasen zu Sätzen und Sätze zu Texten aneinanderreihen kannst, kannst du schreiben.

Es ist völlig egal, ob dir das Schreiben leicht fällt oder schwer, ob dein Text kurz wird oder lang, welche Texte andere Menschen im Vergleich zu dir schreiben und wie gut diese Texte sind oder ob dein Text auf Anhieb gelingt oder noch viel Überarbeitung benötigt. Das hat alles überhaupt nichts mit deinen Schreibfähigkeiten zu tun.

Du kannst schreiben! Lass dir deshalb bitte nichts anderes einreden.

Shownotes:

Schreiben als Marketingstrategie

Website

Buch „No Social Media!“

Buch „Don’t be evil“

Newsletter

Onlinekurse

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Schreiben Alexandra Polunin Schreiben Alexandra Polunin

Drei Fragen für bessere Marketingtexte

In dieser Podcastfolge habe ich dir drei Fragen mitgebracht, mit denen du deine Marketingtexte – egal, ob Websitetexte, Blogartikel oder Newsletter – überarbeiten kannst. Diese Fragen sind an sich total einfach, ja teilweise fast schon banal, aber sie sind ungeheuer mächtig und sie helfen uns dabei, unsere Marketingtexte ✔️ verständlicher ✔️ konkreter und ✔️ unterhaltsamer zu machen.

In dieser Podcastfolge habe ich dir drei Fragen mitgebracht, mit denen du deine Marketingtexte überarbeiten kannst.  

Diese Fragen sind an sich total einfach, ja teilweise fast schon banal, aber sie sind ungeheuer mächtig und helfen aus meiner Sicht sehr dabei, Texte spannender zu machen und unterhaltsamer zu machen und eben so, dass wir sie gerne lesen.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Bevor ich dir gleich diese Fragen im Einzelnen vorstellen werde, ein kurzer Hinweis dazu, wie ich diese Fragen nutze.

Egal, ob du deine Websitetexte schreibst oder Blogartikel oder ein Buch, für die meisten Menschen ist die beste Strategie, das Schreiben vom Überarbeiten zu trennen.

Im Schreibcircle sage ich gerne dazu, dass wir, wenn wir Texte erstellen, im Grunde zwei Brillen haben

  • erstens: eine Schreibbrille

  • und zweitens: eine Korrekturbrille

Und es ist super wichtig, die Brillen einzeln zu tragen und nicht übereinander. Denn das würdest du im wahren Leben ja auch nicht tun. Zwei Brillen übereinander – da würdest du vermutlich nicht so viel damit sehen oder vielleicht sogar deine Augen schädigen langfristig.

Und bei den beiden Brillen zum Schreiben ist es ganz ähnlich. 

Wenn wir die beiden Brillen zusammen aufziehen, endet das Ganze meist im Chaos. 

Das heißt: Wir schreiben an einem Text, korrigieren immer wieder das, was wir schreiben. Manchmal löschen wir sogar mehr, als dass wir etwas Neues hinzufügen. Und letzten Endes schaffen wir es so oft nicht, einen Text wirklich zu Ende zu schreiben, weil wir den Text im Grunde zu Tode korrigieren.

Und deshalb müssen wir auch beim Schreiben darauf achten, die Brillen getrennt anzuziehen.

Zuerst ziehen wir also die Schreibbrille auf.

Das heißt: Unsere erste Aufgabe ist es, erst einmal einen Fließtext von oben nach unten runterzuschreiben, ohne sich großartig an Wörtern, Phrasen, Sätzen oder gar Rechtschreibung oder Kommata aufzuhalten, weil unsere erste Zwischenetappe ein zusammenhängender Text ist.

Und dieser Text muss jetzt überhaupt nicht perfekt sein, er muss noch nicht einmal besonders gut sein, denn genau das werden wir dann im Korrekturdurchgang ja sicherstellen.

Das heißt: Wenn ein zusammenhängender Fließtext erstellt ist, ziehen wir die Schreibbrille wieder ab und ziehen unsere pedantische Korrekturbrille auf. Und dann kümmern wir uns mit einem kritischen Blick um den Inhalt, um den Stil und die Rechtschreibung und Kommasetzung und so weiter. Und wir machen aus unserem vielleicht mittelmäßigen Text einen richtig guten Text.

Und in genau diese Phase fallen nun die drei Fragen rein, die ich dir heute mitgebracht habe. Es geht also nicht darum, dass du deinen Schreibprozess mit diesen drei Fragen unnötig verkomplizierst. 

Sondern es geht vielmehr darum, dass du einen Text, den du bereits geschrieben hast, mit diesen drei Fragen überarbeitest.

Okay. Frage Nummer eins ist: 

„Würde ich das so zu meiner Nachbarin sagen?“

Du kannst dir das auch ganz konkret vorstellen, dass du deine Schuhe anziehst und an das Nachbarhaus oder an die Nachbarwohnung gehst, kurz anklopfst und dann, wenn deine Nachbarin die Tür öffnet, eben sagst: 

„Hey Susanne, ich habe hier eine ultimative Checkliste für mein All-in-one-Framework für konvertierende Websites.“

Und dann ist eben die Frage, ob Susanne versteht, was du eigentlich von ihr willst, oder nicht.

Denn genau das ist meine Beobachtung für viele Marketingtexte: 

Darin werden oft Begriffe verwendet, die zwar sehr schlau und sehr originell klingen mögen, aber letzten Endes ein typischer Marketingsprech sind, den Normalsterbliche niemals so in ihrem Alltag verwenden würden.

Und diese Begriffe haben die Gefahr, dass niemand so richtig versteht, wovon eigentlich gesprochen wird.

Wir können uns die Situation ja auch anders vorstellen, also dass wir sagen:

„Hey Susanne, du hast doch eine Website, oder? Du weißt doch, dass ich Designerin bin und ich hab jetzt ein Website-Design entwickelt, mit dem sich mehr Produkte verkaufen lassen. Willst du das vielleicht auch mal ausprobieren? Ich hab hier einige Punkte zusammengetragen, auf die du achten könntest.“

Das ist natürlich immer noch kein perfekter Marketingtext, aber dieser Text wird zumindest schon mal besser verstanden, weil hier Marketingbullshit-Wörter eliminiert sind.

Das heißt: Mit diesem Nachbarin-Test können wir als erste Maßnahme nicht-verständliche Texte in verständliche Texte umwandeln. Und das ist die Basis für alles, also, dass Menschen uns verstehen.

Doch natürlich können wir noch einen Schritt weiter gehen und uns eine zweite Frage stellen, nämlich: 

„Kann ich das konkreter sagen?“

Denn auch, wenn Wörter verstanden werden, sind sie manchmal so allgemein, dass sie es uns schwer machen, wirklich einen Bezug zu dem zu bekommen, was wir da gerade lesen oder hören. 

Gucken wir uns noch mal das letzte Beispiel an:

„Hey Susanne, du hast doch eine Website, oder? Du weißt doch, dass ich Designerin bin und ich hab jetzt ein Website-Design entwickelt, mit dem sich mehr Produkte verkaufen lassen. Willst du das vielleicht auch mal ausprobieren? Ich hab hier einige Punkte zusammengetragen, auf die du achten könntest.“

Da können wir uns jetzt im Prinzip die Substantive hervornehmen und überlegen, ob wir da noch einen Tick konkreter werden können. 

Wir könnten uns zum Beispiel als erstes fragen: Was für eine Website hat Susanne genau? Was verkauft sie überhaupt? Können wir das noch ein bisschen spezifizieren? 

Wir könnten unsere Berufsbezeichnung konkreter fassen, denn Designerin ist natürlich auch ein recht groß gefasster Begriff. 

Und sowas wie „einige Punkte“ ist natürlich auch eine sehr allgemeine Phrase, die im Grunde alles und nichts bedeuten kann. 

Deshalb gehe ich jetzt nochmal über den Text und suche mir diese allgemeinen Wörter und Phrasen raus und mache sie konkreter.

Und dann könnten wir zum Beispiel sagen:

„Hey Susanne, du hast doch einen Onlineshop für deinen Honig, oder? Du weißt doch, dass ich Webdesignerin bin und ich hab jetzt ein Design speziell für Onlineshops entwickelt. Ich hab es in den letzten sechs Monaten mit zwanzig Onlineshops von Kund*innen getestet und alle konnten ihren Umsatz steigern – einfach nur mit einem anderen Onlineshop-Design. Willst du das vielleicht auch mal ausprobieren? Ich hab hier zehn Punkte aufgeschrieben, auf die du bei der Auswahl deiner Farben, Schriften und Bilder achten könntest.“

Ja, auch dieser Text ist noch kein perfekter Marketingtext, aber dieser Text ist verständlich und er ist konkret. Das heißt:

Wenn ich Susanne wäre, wüsste ich ziemlich genau, worum es meiner Nachbarin gerade geht. Ich müsste nicht raten oder spekulieren. Es ist alles drin, was ich wissen muss, um zu entscheiden: Bin ich interessiert oder nicht? Ist es für mich relevant oder nicht?

Doch wir können sogar noch einen Schritt weitergehen und uns eine dritte Frage stellen. Und das ist die Frage: 

„Kann ich Bilder im Kopf erzeugen?“

Denn vielleicht hast du schon bei den Texten gedacht: 

Ja, ich verstehe sie, aber so wirklich besonders und unterhaltsam sind sie jetzt nicht.

Und Texte, die wir gleich nach dem Hören oder Lesen wieder vergessen, haben meist gemeinsam, dass es dort kaum Ecken oder Kanten oder Anker gibt, an den wir hängen bleiben könnten. Das sind oft so aalglatte Texte, die wenig Reibung erzeugen und wir sie eben genauso schnell wieder vergessen, wie wir sie gelesen haben.

Und es gibt viele Möglichkeiten, diese Ecken und Kanten zu erzeugen. Und eine relativ einfache Möglichkeit sind für mich: Bilder

Ich meine damit nicht, dass wir jetzt nur in Metaphern reden sollten oder vielleicht sogar in ausgelutschten Metaphern reden sollten – bitte nicht! Die Frage ist vielmehr:

Was passiert in meinem Kopf, wenn ich einen Text lese?

Und wenn die Antwort ist „Nicht so viel“, führt es, wie gesagt, sehr häufig dazu, dass dieser Text vermutlich keine weitere Relevanz für mich haben wird, einfach weil es nicht so viel gibt, woran ich mich erinnern kann.

Wenn die Antwort aber ist, dass eine Reihe von Bildern in meinem Kopf entsteht, während ich den Text lese, dann wird es spannend. 

Denn dann fange ich an, Emotionen zu entwickeln, vielleicht sogar zu lachen oder zu weinen oder ich verknüpfe eine eigene Geschichte oder eine persönliche Erinnerung mit dem Text. Und dann werde ich mir eben auch viel wahrscheinlicher das behalten, was ich da lese.

Und natürlich gibt es raffiniertere Bilder und ziemlich banale Bilder, aber letzten Endes ist es eine Übungssache und wir müssen ja irgendwo starten. 

Wir könnten uns in unserem Beispiel also einfach mal überlegen, ob wir ein, zwei kleinere Bilder erzeugen könnten. Also nichts Großes. Aber so, dass es eben ein Angebot für Menschen gibt, die den Text lesen, dass in ihrem Kopf etwas passiert.

Wir könnten zum Beispiel aus „Honig“ einen „Wildblütenhonig“ machen, wenn es denn einer ist, wir dürfen uns natürlich nichts ausdenken. 

Aber schon beim Wort „Wildblüten“ habe ich ein Bild von einer sommerlichen Wiese im Kopf, wo die Bienen rumsummen und ja, das hätte ich nur bei „Honig“ so nicht gehabt. Das heißt: Schon ein Zusatz wie „Wildblüte“ regt die Vorstellungskraft deutlich mehr an als nur „Honig“.

Und dass das Design in den letzten Monaten getestet wurde, kann man auch mit einem Bild anreichern – natürlich auch hier, nur wenn es stimmt – und zum Beispiel sagen: 

„Ich habe es in den letzten sechs Monaten mit zwanzig Onlineshops von Kund*innen getestet – der Pizzalieferdienst kennt mich jetzt persönlich mit Vornamen – und alle konnten ihren Umsatz deutlich steigern.“ usw.

Das heißt: Wenn die stressige Testphase des neuen Designs von sehr vielen Pizzalieferungen geprägt war, ist auch das etwas, was man durchaus so mitnehmen kann in einen Text, weil wir uns dann gleich vorstellen, wie ein Pizzabote vor der Haustür steht mit einer riesigen Käsepizza nur für uns alleine. 

Und das macht das Lesen einfach abwechslungsreicher, unerwarteter und erhöht so die Chance, dass Menschen unseren Text tatsächlich auch zu Ende lesen.

Ja, das waren meine drei Fragen, die wir uns beim Überarbeiten unserer Texte stellen können, um unsere Texte verständlicher, konkreter und unterhaltsamer zu machen. Also

  • Würde ich das so auch zu meiner Nachbarin sagen?

  • Kann ich das noch konkreter sagen?

  • Und: Kann ich Bilder im Kopf erzeugen?

Ich hoffe, dass dir die Fragen beim Überarbeiten deiner Marketingtexte helfen. 

Und falls du noch mehr Schreibtipps für deine Marketingtexte brauchst, ein kleiner Hinweis: Mein Schreibcircle für Selbstständige startet Mitte April und du kannst dich jetzt anmelden.

Auf meiner Website findest du alle wichtigen Informationen dazu und falls du weitere Fragen zum Schreibcircle hast, kannst du mir auch sehr gerne eine Nachricht schreiben.

Ich wünsche dir noch einen wundervollen Tag und freue mich, wenn du auch nächstes Mal wieder dabei bist.

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Breaking up with Pinterest

Ich war jahrelang Beraterin für Pinterest-Marketing und dann … nicht mehr. Warum ich mit Pinterest Schluss gemacht habe, wo es doch immer heißt, dass Pinterest mehr visuelle Suchmaschine als Social-Media-Kanal ist, verrate ich dir in dieser Podcastfolge.

Ich war jahrelang Beraterin für Pinterest-Marketing und dann … nicht mehr. 

Warum ich mit Pinterest Schluss gemacht habe, wo es doch immer heißt, dass Pinterest mehr visuelle Suchmaschine als Social-Media-Kanal ist, verrate ich dir in dieser Podcastfolge.

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Ja, lasst uns heute mit Pinterest Schluss machen. 

Wobei das natürlich Blödsinn ist: Jede und jeder kann für sich selbst entscheiden, ob Pinterest the place to be ist oder nicht. 

Aber was ich heute machen will, ist, dass ich dich mitnehmen möchte in meine Gedankengänge, als ich mit Pinterest Schluss gemacht habe. 

Und das war definitiv keine leichte Entscheidung, denn vielleicht weißt du, dass ich von 2017 bis 2021 auf Pinterest spezialisiert war und selbst einen Pinterest-Kanal hatte, der auch ganz gut lief. 

Ich hatte monatliche Betrachter in Millionenhöhe. Und da sagt man natürlich nicht von jetzt auf gleich: Das war’s jetzt mit Pinterest.

Das war bei Facebook, Instagram usw. anders: Es war ja nicht nur so, dass mir die Kanäle nicht gut taten, sie brachten mir auch einfach kaum Resultate. Und deshalb war die Entscheidung gegen Instagram oder gegen Facebook auch relativ leicht für mich. 

Bei Pinterest war es anders. Das war ein Kanal, der mir immer noch Menschen auf meine Website brachte und ja, deshalb hat es einfach länger gedauert, bis ich mich zu einem Ausstieg entschieden habe, und das war tatsächlich dann auch der allerletzte Kanal, den ich im Herbst 2022 deaktiviert hab.

Und warum ich das gemacht habe, obwohl er ja ganz gut lief, das will ich dir jetzt erzählen.

Der erste Grund hat etwas mit der Veränderung der Plattform Pinterest zu tun. Ich hab mit Pinterest privat schon, ja, ziemlich früh begonnen und auch als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich Pinterest relativ schnell als Marketingkanal genutzt. Also 2016 das allererste Mal. Und da war Pinterest ja noch gar nicht so etabliert hier in Deutschland. Das war ein klassischer „Hidden Champion“, wie man immer gesagt hat.

Und damals war es so, dass Pinterest so ein toller Traffic-Lieferant war, dass nur wenige Monate, nachdem ich mit Pinterest angefangen habe, durch Pinterest alleine 10.000 Leute monatlich auf meine Website kamen, wenig später dann 30.000 Menschen im Monat. Und das, obwohl ich kein klassisches Lifestyle-Thema hatte. Ich war keine Food-Bloggerin, keine Lifestyle-Bloggerin, keine Travel-Bloggerin, sondern ich habe zu Selbstständigkeit- und Marketingthemen und zu Pinterest dann gepinnt.

Und das war super entspannt und total kostenarm. Lediglich Canva und ein günstiges Planungstool waren notwendig und sonst war das alles easypeasy. Ich habe einfach Blogartikel geschrieben und sie gepinnt und dann kamen Menschen auf meine Website. Also genial.

Ich fing natürlich an, über diese grandiose Möglichkeit zu reden, online sichtbar zu werden. Und dann kamen von sich aus Menschen auf mich zu und wollten, dass ich ihre Account aufsetze, Pin-Vorlagen erstelle oder anfange zu pinnen. Und ja, dann kam im Prinzip eins zum anderen. Ich dachte „Das könnte man ja auch hauptberuflich machen“ und beschloss im Sommer 2017, mich voll und ganz auf Pinterest zu spezialisieren.

Und dann passierte etwas, was vielen Netzwerken passiert, nämlich die Frage nach der Monetarisierung. Und Pinterest schalte Anfang 2019 in Deutschland dann eben auch Werbeanzeigen frei, sodass Business Acocunts Pinterest Ads schalten konnten.

Und diese Veränderungen setzte im Grunde ja fast schon eine Kettenreaktion in Gang, vor allem: 

Es wurde jeden Monat etwas schwerer, organisch mit Pinterest Traffic zu bekommen, weil sie es natürlich jetzt lieber sahen, dass man für Traffic zahlt. 

Im Grunde ist es also eine Entwicklung, wie wir sie auch von Facebook oder Instagram kennen: Sobald die Möglichkeit, Werbeanzeigen zu schalten, ausgerollt wird, ist leider nicht mehr ganz so viel mit organischem Marketing und ja: Wir müssen dann einfach für Klicks zahlen.

Aus Sicht von Facebook oder Pinterest ist es natürlich verständlich: Das sind beides keine gemeinnützigen Unternehmen, sondern gewinnorientierte Unternehmen. Und sie wollen wachsen und es ist auch alles okay. Doch für die Menschen, die jahrelang diese Plattformen beruflich genutzt haben, ist es natürlich mehr als ärgerlich, wenn sich die grundsätzliche Funktionsweise einer Plattform mehr oder weniger über Nacht ändert.

Und bei mir sah es dann so aus: Mein Account war 2019 und 2020 erst einmal nicht betroffen. Er ging nach wie vor super gut. Und auch Kund*innen, die – so wie ich – ältere Pinterest-Accounts hatten, bekamen immer noch ganz gut Traffic von Pinterest. 

Doch ich merkte es zuerst bei den ganz frischen Accounts, die ich für neue Kund*innen anlegte, oder auch bei den Teilnehmer*innen in meinen Onlineprogrammen, dass die Strategien, die immer funktionierten, es dann einfach nicht mehr ganz so zuverlässig taten. Und dass dazu auch noch super seltsame Dinge passierten, also dass zum Beispiel Pinterest-Accounts gesperrt wurden, sobald man anfing, mit einem Planungstool zu pinnen.

Sodass ich mich mehr als einmal gefragt: Äh, what the fuck?

Aber es kam eben eher vereinzelt vor, sodass ich jetzt nicht sagen konnte: Pinterest funktioniert nicht. 

Es funktionierte immer noch für viele Menschen 2019 und 2020. Auch bei mir. Auch bei vielen Kolleg*innen und Kund*innen. Aber es war nicht mehr so vorhersehbar wie noch vor den Werbeanzeigen.

Und dann kamen 2021 die sogenannten Idea Pins und dann dämmerte mir, dass Pinterest definitiv wegging von ihrem Image als kostenloser Traffic-Lieferant und dass es ihnen wirklich um Umsatz und Wachstum als Unternehmen ging.

Denn Idea Pins hatten einfach nicht mehr das Ziel, dass Menschen auf einen externen Link klicken, sondern eigentlich genau das Gegenteil: dass sie auf Pinterest bleiben und auf diesen Pin reagieren. Und da die Idea Pins bevorzugt ausgespielt wurden und teilweise mit extrem schnell und extrem viel Reichweite belohnt wurden, wurde es noch schwieriger, mit Pinterest Websitetraffic zu bekommen.

Und auch hier war es so, dass mein älterer Pinterest-Kanal immer noch gut lief, aber dass ich in meinen Programmen oder Beratungen verstärkt feststellte, dass gerade neu aufgesetzte Accounts es deutlich schwer haben, und ich musste mir eingestehen, dass ich nicht wusste, wie ich das lösen konnte, egal, was ich versuchte. Und egal, welche Tricks ich aus der Trickkiste zog – ich konnte nicht mehr guten Gewissens sagen: 

„Nutzt alle Pinterest. Das ist eine tolle Möglichkeit, online gefunden zu werden.“

Das hat für viele Menschen, mit denen ich damals zu tun hatte, einfach nicht mehr so gestimmt.

Und deshalb hab ich die Pinterest-Nische wieder verlassen. Es hatte sich damals ja schon abgezeichnet, dass mich das Social-Media-freie Marketing einfach auch viel mehr interessierte. Und deshalb entschied ich mich im September 2021, mich da neu zu orientieren und es auch ganz offiziell zu machen, dass ich nun nichts mehr mit Pinterest zu tun habe.

Doch es war ja nicht nur so, dass ich zu Pinterest beraten hatte – auch nachdem ich meine Nische geändert habe, hatte ich immer noch meinen eigenen Pinterest-Kanal. Doch das zweite Problem war, dass sich Pinterest im Grunde auch von einer visuellen Suchmaschine zu einem Social-Media-Kanal entwickelte oder, sagen wir mal, zumindest zu einer Mischform.

Ich rede da von den Idea Pins, die es eben notwendig gemacht hatten, dass ich ständig Videos machen musste. Und im Grunde war das so ein Instagram-TikTok-Misch. Und das kam meinen Stärken und Interessen überhaupt nicht entgegen. 

Früher war das immer so: Ich hab einen Blogartikel geschrieben und ein paar Grafiken dafür erstellt und ihn auf Pinterest gepinnt. Und das war alles mega entspannt und unaufgeregt. 

Und auf einmal musste man mit diesen Idea Pins ständig am Smartphone kleben, um die Idea Pins zu erstellen. Das war ein völlig anderes Pinterest-Marketing als zu Beginn. Und das hat mir persönlich einfach überhaupt nicht mehr entsprochen.

Ich hatte damals das Pinnen sogar ausgelagert an eine virtuelle Assistentin und musste ihr dann gefühlt ständig Videos von mir schicken, damit sie Idea Pins erstellen konnte, und dadurch hatte ich ständig Pinterest in meinem Kopf.

Das Tolle an Pinterest war früher, dass man es fast zu 100% auslagern konnte. Es gab Phasen, da habe ich Wochen nicht in meinen eigenen Account geguckt, weil es das einfach nicht gebraucht hatte und diejenige, die ihn damals betreute, alles selbst händeln konnte.

Doch mit Idea Pins sah das eben völlig anders aus und das war gar nicht mein Fall. Ich hatte damals schon Instagram z.B. gelöscht und sah es gar nicht ein, jetzt dasselbe für Pinterest zu tun. Insofern, ja, bestärkte mich das in meinem Gefühl, Pinterest auch zu verlassen.

Ich machte es lange Zeit aber nicht, weil, wie gesagt, Pinterest mir immer noch Traffic brachte, aber – und jetzt kommen wir zum dritten Grund, warum ich Pinterest letzten Endes verlassen habe – es war Traffic für mein altes Zeugs.

Das heißt, die Pins, die ich eher zu Beginn meines Pinterest-Daseins pinnte, die gingen immer noch super. Die brachten mir immer noch Menschen auf meine Website.

Aber die neuen Pins mit meinem neuen Thema gingen einfach überhaupt nicht, egal, was ich versuchte. Sie hatten meist so zehn Aufrufe und zwei Klicks und vermutlich war da auch jemand dabei, der oder die da aus Versehen darauf geklickt hatte. Wer weiß.

Und so hatte das natürlich alles nur noch wenig Sinn. Ich hatte mich beruflich neuorientiert, aber die Menschen kamen immer noch wegen meines alten Themas zu mir auf die Website. Das konnte nur für Enttäuschung sorgen – auf beiden Seiten.

Und deshalb dachte ich mir: Was bringt mir der Traffic, wenn es einfach nicht der richtige ist?!

Und zusammen mit der Entwicklung der Plattform, der es jetzt eben vor allen Dingen um Werbeanzeigen und um Onlineshops ging, und mit den Idea Pins, die eher was von Social Media hatten als von einer visuellen Suchmaschine, war klar, dass Pinterest als Marketingstrategie für mich eher keinen Sinn mehr machte.

Und im Oktober 2022 hab ich dann meinen Pinterest-Account deaktiviert und hab es seitdem nicht bereut. 

Ich hab definitiv weniger Menschen bei mir auf der Website, ja, aber das sind jetzt eben Menschen, die wegen meines neuen Themas kommen, und deshalb bin ich total fein damit, dass es jetzt so ist.

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Es ist Zeit für feministisches Marketing!

Heute ist Weltfrauentag und weil das für mich so ein wichtiger Tag ist, gibt es eine außerplanmäßige Podcastfolge. Ich will in dieser Folge die Lanze brechen für eine Marketingform, über die wir dringend mehr sprechen sollten: feministisches Marketing.

Heute ist Weltfrauentag und weil das für mich so ein wichtiger Tag ist, gibt es eine außerplanmäßige Podcastfolge.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Ich warne schon mal vorab, das wird die längste Podcastfolge, die ich bisher gemacht habe. Ich wollte es ja immer kurz und knackig halten – aber das war bei dem Thema irgendwie nicht möglich.

Denn ich will in dieser Folge die Lanze brechen für eine Marketingform, über die man noch nicht so viel hört, wie ich finde. Und ich glaube, wir sollten das dringend ändern.

Es geht um feministisches Marketing.

Ja, feministisches Marketing. Was ist denn das schon wieder für eine verrückte Idee? Können wir denn nicht einfach neutrales Marketing machen?

Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Gedanke ist, den viele Menschen haben, vielleicht auch du, wenn du das erste Mal den Begriff „feministisches Marketing“ hörst. 

Und deshalb möchte ich, bevor ich darauf zu sprechen komme, was „feministisches Marketing“ genau für die Marketingpraxis bedeuten könnte, kurz eine wichtige Sache vorweg erwähnen.

Und das ist der Punkt, dass es kein neutrales Marketing gibt.

Das hätten wir vielleicht alle gerne, weil wir uns als Selbstständige damit so schön aus der Verantwortung ziehen könnten. Doch es gibt keine neutrale Kommunikation und deshalb kein neutrales Marketing.

Denn wenn wir kommunizieren, egal, ob mündlich oder schriftlich, egal, ob privat oder beruflich, bringen wir immer auch eine bestimmte Perspektive mit, die sich immer aus unseren Erfahrungen ergibt. Und unsere Erfahrungen haben wiederum sehr viel mit unserem Geschlecht zu tun, unserer Herkunft, Religion, sexuellen Identität, Behinderung usw. 

Das heißt, wenn jemand auf Instagram postet „Du kannst alles erreichen, was du dir vornimmst“, ist das nicht neutral. 

Diese Person offenbart damit ihre Privilegien, weil es für die meisten Menschen dieser Erde aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Aussehens usw. in der Praxis eben nicht stimmt, dass sie alles erreichen können, was sie sich vornehmen.

Es ist zum Beispiel wahrscheinlicher, dass jemand, der Thomas heißt, in den Vorstand eines börsennotierten Unternehmens kommt als eine Frau – egal, wie sie heißt. Und es ist wahrscheinlicher, dass eine dünne Frau mehr in ihrem Job verdient als eine dicke Frau.

Wir könnten dieses Spiel jetzt noch für die nächste Stunde weiterspielen und alle möglichen Studien aufzählen, die zeigen, dass das Geschlecht, das Aussehen, die Herkunft, die sexuelle Identität usw. definitiv eine Rolle beim Erfolgreich-Werden spielen. 

Doch wichtig ist mir, einfach nur nochmal zu betonen: 

„Du kannst alles erreichen, was du dir vornimmst“ ist keine neutrale, positive Aussage, sondern eine gewisse Perspektive, die Menschen nur dann einnehmen können, wenn sie im Alltag nicht behindert und diskriminiert werden. 

Und ähnlich ist es auch mit dem Wunsch, den ich in der letzten Zeit oft per E-Mail bekomme, dass wir doch bitte schön wieder unpolitisches Marketing machen sollten und nicht immer gleich Stellung beziehen sollten, z.B. gegen Rechts, wie ich es in meinem Newsletter nun paar mal gemacht habe.

Ich habe zum Beispiel neulich eine E-Mail bekommen, in der es sinngemäß hieß: 

„Können wir es denn nicht bitte mit den Kategorien lassen? Links, rechts, Mann, Frau – wir sind doch letzten Endes alle nur Menschen. Und ich versuche auch Menschen Verständnis entgegenzubringen, die gerade nach rechts driften, und nicht gleich pauschal über sie pauschal zu urteilen usw.“

Ja, auch das ist keine neutrale Aussage

Ein „Herz für Nazis“ zu haben oder zu sagen „Es reicht jetzt aber auch mit feministischen Forderungen“ sendet genauso eine politische Botschaft, wie sich explizit gegen Nazis zu positionieren oder eben explizit feministisch zu positionieren.

Wir können einfach nicht neutral sein in dem, was wir tun oder sagen.

Die Annahme, man sei neutral, indem man sich in seinem Marketing nicht positioniert oder Empathie für alle zeigt, einschließlich Nazis, ist ein Trugschluss.

In den acht Jahren meiner Selbstständigkeit habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht: 

Wer neutrales, unpolitisches Marketing fordert, meint damit sehr häufig die männliche, weiße, privilegierte Perspektive.

Und das ist ein Problem. Denn wenn das Männliche, Weiße, Privilegierte das Neutrale ist, das Normale ist, ist die Perspektive einer Frau oder einer Schwarzen Person damit immer automatisch nicht neutral und nicht normal. Es wird zu etwas Besonderem, zum Anderen, zum Fremden.

Doch die Perspektiven von Frauen, von Schwarzen Menschen, von Menschen mit Behinderungen, von trans* Menschen, von Menschen mit Einwanderungsgeschichte usw. sind genauso normal wie die männliche, weiße Perspektive. 

Und das ist für mich der Grundgedanke des feministischen Marketings. Dass wir die männliche Perspektive als das Normale, als den Standard, als das Neutrale auflösen und sagen:

Im Marketing sind – im Rahmen des Grundgesetzes – alle Perspektiven richtig und wichtig. 

Und das schließt für mich natürlich auch die männliche Perspektive mit ein. Feministisches Marketing heißt nämlich nicht, wie gerne mal behauptet wird: Alle Perspektiven sind erwünscht – außer die männliche. Natürlich sind damit alle Menschen und alle Perspektiven gemeint.

So. Und nachdem wir das geklärt haben, spreche ich natürlich auch gleich darüber, wie feministisches Marketing genau aussehen könnte. 

Aber davor möchte ich noch einmal über Etikettenschwindel reden, also über Marketing, das sich feministisch anhört oder sogar nennt, es aber häufig nicht ist.

Und die erste Strategie, über die wir reden müssen, ist das sogenannte Femvertising. Also ein Kofferwort aus „Feminismus“ und „Advertising“. 

Femvertising.

Und da geht es darum, Produkte und Dienstleistungen mit Feminismus zu bewerben oder das Marken-Image mit Feminismus aufzupolieren. Das heißt, hier wird Feminismus im Grunde zu einem Marketing-Gag.

Es geht gar nicht darum, Frauen grundsätzlich zu stärken, es geht darum, Produkten, deren Zielgruppe Frauen sind, einen feministischen Touch zu verleihen und damit den Verkauf anzukurbeln.

Oft ist es dann so, dass in diesen Werbungen oder Marketingbotschaften „starke“ Frauen im Mittelpunkt stehen und damit die Botschaft, dass Frauen alles erreichen können, was sie nur wollen.

Dabei werden aber meistens nicht so positive Themen wie Gender Care Gap oder Gender Pay Gap oder der Kapitalismus ausgeklammert, weil es im Grunde darum geht, positive Gefühle bei der Zielgruppe zu wecken, also Autonomie zum Beispiel oder Selbstwirksamkeit. 

Und es geht gar nicht so um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit bestimmten Themen.

Ein prominentes Beispiel für dieses Femvertising ist McDonald’s. Sie haben am Weltfrauentag 2020 eine Kampagne gelauncht, in der sie Frauen in untypischen Sportarten zeigten, also Basketball oder Skaten usw.

Und dazu verwendeten sie das Hashtag #weilichskann. 

Und die Botschaft sollte vermutlich sein, dass wir uns von alten Rollenklischees verabschieden sollten und das ist sicherlich schön und alles. Doch alleine schon das Hashtag #weilichskann zeigt bereits, wie unreflektiert hier der Feminismus verstanden wird. Er ist nicht intersektional, er richtet sich nicht an alle, denn es gibt auch sehr viele Menschen, die es nicht können, um mal in ihrem Sprachgebrauch zu bleiben.

Diese Kampagne ist sehr ergiebig, denn sie zeigt auch noch eine zweite Strategie, die oft fälschlicherweise mit Feminismus gleichgesetzt wird, und das ist Female Empowerment.

Female Empowerment ist der Ansatz, dass Frauen gestärkt und gefördert werden sollen und ja, auch das ist sicherlich ein gut gemeinter Ansatz. Nur kommt es dabei in der Praxis meist zu Problemen.

Bei McDonald’s war es jetzt so, dass sie in Zusammenhang mit dieser Kampagne auch noch ein Video von McDonald’s-Mitarbeiterinnen auf ihren Social-Media-Kanälen verbreiteten. Das Video hieß „Fünf Karrierefrauen verraten ihr Erfolgsgeheimnis“. 

Und ja, Frauen, die arbeiten, als „Karrierefrauen“ zu bezeichnen, impliziert, dass das eben immer noch nicht normal ist, dass Frauen Karriere machen. Das ist eine konversationelle Implikatur und ich hab das schon an verschiedenen Stellen angemerkt, warum das ein Problem ist und warum wir das im Marketing nicht machen sollten. Deswegen werde ich an dieser Stelle auch nicht weiter darauf eingehen.

Dann sind es alles nur weiße Frauen, die in diesem Video gezeigt werden. Das heißt: Hier kann McDonald’s gerne behaupten, dass ihnen Vielfalt wichtig ist. Doch wenn sie ein Video von Frauen in Führungspositionen drehen und da keine einzige Schwarze Frau dabei ist oder Muslima oder Frau mit Behinderung usw., ist das ein Widerspruch. 

Denn entweder hat McDonald’s solche Frauen in der Führungsetage und dann stellt sich die Frage, warum McDonald’s diese Frauen nicht im Video zeigt.

Oder McDonald’s hat diese Frauen nicht in der Führungsetage, doch dann können sie eben nicht mit Vielfalt und Diversität werben, wenn sie keine Diversität in ihrem Unternehmen leben.

Und schließlich sagen diese „Karrierefrauen“ im Video auch noch, was sie ihrem jüngeren Ich raten würden. Doch diese Sätze werden so geschnitten, dass sie ausdrücklich den Zuschauerinnen Tipps geben sollen. Und dann hört man sowas wie: 

Trau dir mehr zu.

Trau dich, deine Meinung zu sagen, auch wenn es Diskussionen gibt.

Akzeptiere, dass du es nicht jedem Recht machen kannst. 

Nimm einfach eine ordentliche Portion Mut mit.

Sei nicht so nett, sag, was du willst, und vertrau dir selbst.

Und so weiter und so fort.

Hier wird also das Thema Gleichberechtigung – wieder einmal, muss man leider sagen – auf Frauen abgewälzt.

So, als würde es jetzt an mir liegen, dass wir keine Gleichberechtigung haben und immer noch den Gender Pay Gap und Care Gap und alle weiteren Gaps gibt, weil ich nicht mutig genug bin, weil ich zu nett bin oder weil mir zu wenig zutraue.

Und nicht etwa, weil die Strukturen in der Gesellschaft so sind, wie sie sind, und Frauen eben systematisch benachteiligen – egal, wie mutig oder nett sie sind.

Und wenn Feminismus im Marketing so verstanden wird, dass Frauen noch mehr an sich arbeiten müssen, tun diese Marketingvideos letzten Endes keinen Gefallen. 

Sie stärken Frauen nicht, sie bürden ihnen noch mehr Arbeit auf, als sie eh schon haben, nämlich Selbstoptimierung.

Es gibt noch eine weiteren Strategie, die oft einen feministischen, empowernden Touch hat und das ist das Konzept Body Positivity. Und da müssen wir natürlich über Dove reden.

Denn das Unternehmen hat bereits 2004 auf Models in ihrem Marketing gesetzt, die nicht normschön waren. Und das klingt erst einmal super, weil sie sicherlich hier die Vorreiter waren. Und das ist natürlich auch super, wenn die Vielfalt von Frauenkörpern im Marketing, auf Social Media, im Fernsehen usw. gezeigt wird.

Nur ist es auch hier leider, leider nicht so einfach.

Denn zum einen ist es so: Body Positivity und der Imperativ „Liebe dich so, wie du bist“ ist letzten Endes ein weiteres To-do auf der Liste von Frauen. Neben Kinderbetreuung, und wie wir von McDonald’s gelernt haben, der Vorantreibung der Gleichberechtigung, neben Wäsche waschen und Karriere machen und Sport natürlich auch noch dazu, müssen wir uns jetzt auch noch selbst lieben.

Und wenn wir uns in unserem Körper aber nicht wohl fühlen, liegt das nicht etwa an den Strukturen oder an Social Media, die alle ein bestimmtes Bild von Frauen verbreiten, sondern an uns, weil wir uns nicht gut genug selbst geliebt haben.

Und dass Dove in ihren Videos dann zum Beispiel sowas sagt wie “Millionen Frauen straffen ihre Kurven mit Dove. Schade, dass wir sie nicht alle zeigen können“, ist das natürlich eine seltsame Botschaft, die heißt: „Frauen dürfen Kurven haben, ja. Aber wehe, sie sind nicht straff.“ 

Und wenn man sich das Unternehmen Dove anguckt, ist es so, dass sie zu Unilever gehören, zu dem zum Beispiel Beispiel auch noch das Unternehmen Fair & Lovely gehört, das sich an Schwarze Frauen richtet und in ihrem Marketing gezielt den Wunsch nach einer helleren Hautfarbe weckt. 

Und tatsächlich ist es auch, dass Dove 2017, also 13 Jahre, nachdem sie diese Body-Positivity-Kampagne starteten, eine Werbung hatte, in der eine Schwarze Frau ihr T-Shirt auszieht und dann – mit Hilfe eines Dove-Produkts – zu einer weißen Frau wird.

Diese Werbung wurde zurecht heftig kritisiert, weil: offensichtlich rassistisch. Und natürlich ist das keine feministische Botschaft.

Das heißt, auch hier tarnt sich Body Positivity als Feminismus. Doch wenn wir tiefer gucken, stellen wir nicht nur fest, dass es wieder mal die Frauen sind, denen neue Aufgaben auf die To-do-Liste geschrieben werden – also: „Liebe dich selbst“ usw. –, sondern dass es auch widersprüchliche Marketingbotschaften gibt und dass auch Dove als Unternehmen kritische Verbindungen zu anderen Unternehmen hat, die problematische Dinge tun. 

Es mag natürlich ein Fortschritt sein zu offensichtlich sexistischem Marketing, völlig klar. 

Also wenn wir da zum Beispiel an True Fruits denken. Das Unternehmen stellt ja Smoothies her, und sie werben regelmäßig mit sexistischen Botschaften

Sie nennen ihre Smoothies zum Beispiel „Abgefüllt und mitgenommen“ oder „Oralverzehr – schneller kommst du nicht zum Samengenuss“ und ja, da wirkt natürlich eine Body-Positivity-Kampagne tausendmal fortschrittlicher und das will ich im Grunde auch nicht bestreiten, aber feministisch können wir das aus den genannten Gründen eben auch nicht nennen.

Und vielleicht merkst du schon, wo es bei den ganzen Problemen, die ich gerade beschrieben habe, meistens so hingeht. 

Es ist der Widerspruch zwischen dem, was Unternehmen nach außen in ihrem Marketing kommunizieren und dem, was innerhalb des Unternehmens und der Unternehmensstrukturen abgeht. 

Das heißt einerseits sage ich in meinem Marketing „Mir ist Diversität wichtig“, doch wenn ich mir dann die Führungsetage angucke, ist sie meistens weiß.

Oder ich sage „Jeder Körper ist schön“ und dann sage ich im selben Atemzug „Kurven sind okay, solange sie straff sind“ oder ich produziere einen Werbeclip, wo sich eine Schwarze Frau in eine weiße Frau verwandelt.

Ja.

Und wenn es da diese großen Widersprüche gibt, spricht man von Pinkwashing oder auch Femwashing.

Also der Begriff an sich ist sicherlich egal. Entscheidend ist, dass wir diesen Widerspruch benennen können. Und vielleicht kennst du auch andere Formen von Social Washing, nämlich Greenwashing, Rainbowwashing, Bluewashing usw.

Es geht dabei immer darum, dass es einerseits ein gewisses Image gibt, also zum Beispiel „Wir sind als Unternehmen klimafreundlich“, aber in der Praxis stimmt das einfach nicht, weil beispielsweise bei der Herstellung nicht so umweltfreundliche Dinge passieren. Dann ist das Greenwashing.

Und ich finde es extrem wichtig, diese Praktiken zu benennen, weil es eben nichts bringt, oberflächlich für gewisse Dinge einzutreten, ohne seine Unternehmenspraxis zu ändern oder dafür einzutreten, dass sich Strukturen verändern. 

Ja, jetzt habe ich sehr ausführlich darüber gesprochen, was feministisches Marketing nicht ist. 

Feministisches Marketing ist nicht Femvertising. 

Feministisches Marketing ist nicht Female Empowerment, so wie es auf sozialen Medien oder den Standard-Werbeclips gelebt wird. Also wir sagen „Frauen können alles schaffen, was sie wollen“ und das war unser Beitrag zum Weltfrauentag im Besonderen und Feminismus im Allgemeinen. 

So einfach ist es nicht.

Und Body Positivity ist natürlich sympathischer als offen gelebter Sexismus, doch auch hier macht Body Positivity ein Unternehmen nicht automatisch feministisch, wenn die übrigen Marketingbotschaften und Unternehmensstrukturen eine andere Sprache sprechen. 

Das sind alles letzten Endes Formen von Pinkwashing.

Jetzt kommen wir aber endlich dazu, was denn feministisches Marketing ist oder sein könnte. Denn im Netz, als ich für diese Folge recherchiert habe, habe ich nur sehr wenig dazu gefunden. 

Dieser Begriff ist nicht besetzt und die folgenden Punkte sind mein erster Versuch, ein Konzept zu beschreiben. Ich weiß nicht genau, wie gut mir das gelingt. Ich wünsche mir einfach, dass wir mehr darüber reden. Und das wir, ja, einfach anfangen, darüber zu reden.

Also was feministisches Marketing sein könnte. Was darunter fällt und was nicht. 

Und wenn du deine eigene Sicht hast, dann fang gerne an, darüber auf deinen Kanälen zu reden. Denn je mehr wir über das Konzept feministisches Marketing sprechen, desto besser.

So, ich möchte dir im Folgenden acht Merkmale oder besser Kriterien nennen, die aus meiner Sicht feministisches Marketing auszeichnen. Die Liste ist nicht vollständig, weil, wie gesagt, ich habe gerade damit begonnen, über dieses Thema nachzudenken, und wäre für mögliche Ergänzungen sehr dankbar.

Punkt #1: Feministisches Marketing berücksichtigt Intersektionalität

Was meine ich damit? 

Botschaften wie „Frauen können alles schaffen, was sie wollen“ beziehen sich meistens auf einen ganz bestimmten Typ Frau, nämlich auf die weiße, normschöne Frau ohne Behinderung

Und es gibt, wie ich schon angedeutet habe, eine Menge Studien, die belegen, dass das nicht stimmt, dass Schwarze Frauen, Frauen mit Behinderungen, dicke Frauen, Frauen mit Migrationshintergrund, also Frauen, die eben nicht der weißen Norm entsprechen, schlechtere Chancen auf so vielen Ebenen haben. Dass sie eben nicht alles erreichen können, was sie wollen.

Und wer das als Unternehmen im Marketing nicht berücksichtigt und die verschiedenen Lebensrealitäten der Frauen ignoriert, macht einen Feminismus für weiße Frauen, der dann eben auch nicht mehr Feminismus genannt werden kann.

Deshalb ist es so wichtig, in seinem Marketing nicht nur das biologische Geschlecht zu berücksichtigen und beispielsweise Frauen in seine Werbevideos zu packen, sondern immer auch verschiedene Geschlechtsidentitäten, Herkünfte, Religionen, Körper, Aussehen, Behinderungen usw. mitzudenken.

Denn die Voraussetzungen für Schwarze Frauen sind aufgrund von Alltagsrassismus nun mal andere als für weiße Frauen. Und für Frauen mit Behinderungen nochmal andere usw.

Und es ist im feministischen Marketing notwendig, verschiedene Merkmale abzudecken und nicht nur das Geschlecht. 

Also: Wer ein Video über Frauen, die im Unternehmen Führungspositionen haben, machen will, sollte lieber sicherstellen, dass es dort tatsächlich auch eine Vielfalt von Frauen gibt. Sonst sollte man vielleicht nicht so ein Werbevideo machen und lieber erst einmal dafür sorgen, dass die Führungsetage diverser wird.

Und Marketing, das Intersektionalität mitdenkt, hat vermutlich dann automatisch auch komplexere Botschaften, die sich vielleicht nicht auf drei Slides in einem Karusselpost auf Instagram herunterbrechen lassen, ja. 

Aber diese Komplexität ist notwendig, wenn einem die Werte Vielfalt und Diversität wirklich wichtig sind als Unternehmen. Diversität ist komplex. Und feministisches Marketing muss dem Rechnung tragen.

Kommen wir zum zweiten Punkt und es ist traurig, dass man diesen zweiten Punkt noch mal explizit erwähnen muss, aber:

Punkt #2: Feministisches Marketing ist trans*-freundlich

Leider findet man im Marketing immer noch Äußerungen, die trans*-feindlich sind und wo Menschen sich über trans* Menschen lustig machen. Und das hat überhaupt nichts im feministischen Marketing verloren.

Bekanntes Beispiel ist die Fitness-Influencerin Pamela Reif, die vor nicht allzu langer Zeit vor den Augen ihrer Millionen Follower einen Filter ausprobiert hat und gesagt hat, dass er sie aussehen lasse … den Rest kann man sich ja denken. 

Das gab einen großen Aufschrei und das zeigt wieder einmal wunderbar, dass es nicht ausreicht, dass eine weiße, normschöne Frau erfolgreich wird und man muss im Fall von Pamela Reif sagen, sich ein Imperium aufbaut, weil es die Situation von anderen Frauen nicht automatisch verbessert und von trans* Frauen schon gar nicht.

Auch J.K. Rowling, ja die Autorin von Harry Potter fiel vor ein paar Jahren durch die Äußerung auf, dass trans* Frauen keine richtigen Frauen seien. Und ja, auch hier: Eine erfolgreiche Frau verbessert nicht automatisch die Situationen für andere Frauen. Stattdessen kann es sein, dass sie ihre Reichweite nutzen, um sich gegen trans* Frauen zu äußern.

Dabei kam 2020 in einer europaweiten Umfrage raus, dass in Deutschland 10% aller trans* Menschen immer noch Gewalt erfahren. Und Deutschland lag damit sogar knapp über dem EU-Schnitt. 

Deshalb ist für feministisches Marketing aus meiner Sicht Pflicht, da sensibel zu sein und trans* Menschen einzuschließen.

Punkt #3: Feministisches Marketing löst Stereotype und Klischees auf – und bedient sie nicht.

Und da denkt man vielleicht zuerst an offensichtlich sexistische Werbung. Ich hatte ja schon das Beispiel True Fruits genannt, aber tatsächlich bedienen Unternehmen auch sehr häufig subtil Stereotype. Und ich vermute auch, wahrscheinlich gar nicht so beabsichtigt.

Also wer immer noch von „Karrierefrauen“ spricht, sagt damit ja automatisch, dass es etwas Besonderes ist, wenn eine Frau Karriere macht. Schließlich gibt es die Begriffe „Karrieremann“ nicht oder „Working Dad“ oder „Boyboss“. Das ist alles nur für Frauen reserviert, weil es immer noch so konzipiert ist, dass eine Frau, erst recht wenn sie Kinder hat, eher nicht oder wenig arbeitet und keine Karriere macht. 

Das heißt: Unternehmen sollten diese Sprache nicht bedienen, wenn ihnen Feminismus wirklich ein Anliegen ist. 

Punkt #4: Feministischem Marketing geht es mehr um Strukturen als um Selbstverwirklichung

Denn wenn wir uns das Marketing angucken, das Frauen in den Mittelpunkt stellt, was an sich ja gut ist, ist es aber immer so, dass es um individuelle Selbstverwirklichung geht. 

Und die Botschaften, die dann gesendet werden, sind:

Wenn du dich auf eine bestimmte Art und Weise verhältst, z.B. unseren Mercedes fährst oder unseren Burger isst oder mutig bist, bist du eine richtig starke Frau oder eben auch, kannst du dich beruflich verwirklichen.

Und das ist nicht das, worum es Femininst*innen geht. Es ist natürlich Blödsinn, von „Femininst*innen“ zu sprechen, ich weiß, einfach weil es so viele Strömungen gibt. Aber ich würde schon behaupten, dass alle Richtungen gemeinsam haben, dass es darum geht, die Strukturen für alle Frauen zu verbessern und nicht darum, dass einige wenige an der Spitze stehen.

Das funktioniert nicht, wie wir immer wieder sehen. 

Also ja, vielleicht war Angela Merkel Bundeskanzlerin für eine lange Zeit in Deutschland. Doch das heißt nicht, dass sich dadurch die Situation von Frauen in Deutschland verbessert hätte. Es gibt hier immer noch den Gender Care Gap und den Gender Pay Gap und eine ganze Reihe von weiteren Gaps, die ich hier unmöglich aufzählen kann.

Und vielleicht war Sheryl Sandberg lange Zeit COO von Facebook, später Meta. Doch das heißt nicht, dass sie dadurch eine Social-Media-Plattform geschaffen hätte, auf der Frauen sicher sind und nicht beleidigt werden.

Und vielleicht war Sophia Amoruso ein Girlboss und hat aus alter Kleidung ein Imperium aufgebaut. Doch das heißt nicht, dass es ihre Angestellten so gut bei ihr hatten. Denn sie hat ja bekanntermaßen schwangere Mitarbeiterinnen gefeuert.

Das heißt:

Es bringt uns überhaupt nichts, wenn es einige wenige Frauen an der Spitze gibt, die die Strukturen einfach für sich zu nutzen wissen und im Grunde vieles, was problematisch ist, reproduzieren.

Was wir wirklich brauchen, ist, dass sich Strukturen ändern. Also, dass es Gesetze gibt. Dass Unternehmen bestimmte Dinge machen oder dazu verpflichtet werden, wenn sie es eben nicht freiwillig tun. Denn ganz ehrlich: Es kann doch nicht sein, dass es immer noch mehr Männer in den Vorständen von börsennotierten Unternehmen gibt, die Thomas heißen, als Frauen.

Oder dass Frauen immer noch weniger in ihrem Job verdienen und später viel eher in Altersarmut landen als Männer.

Deshalb dürfen Unternehmen im Marketing diese strukturellen Tatsachen, die wirklich unangenehm sind, das ist sicherlich richtig, aber nicht einfach ausklammern. Sie müssen sie berücksichtigen.

Punkt #5: Feministisches Marketing ist kapitalismuskritisch 

Und vielleicht schüttelst du jetzt den Kopf, denn natürlich müssen wir als Selbstständige oder als Unternehmen Geld verdienen. Und darum geht es mir auch gar nicht. Ich glaube, diesen Widerspruch müssen wir aushalten. Doch:

Wir dürfen Feminismus nicht verkaufen.

Und wenn wir uns die letzten Jahre angucken, stellen wir fest, dass genau das aber passiert ist. 

Ich denke da an all die Shirts und Tassen und Jutebeutel, auf denen „Girlboss“ oder „Feminist“ draufsteht, so als gäbe es dann damit offiziell keine Notwendigkeit mehr, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen.

Und es gab zum Beispiel den Fall in Großbritannien, als 2019 T-Shirts für Charity verkauft wurden, auf denen „Girl Power“ draufstand, wo dann aber herauskam, dass genau diese T-Shirts unter prekären Bedingungen von Frauen in Südostasien genäht wurden.

Das zeigt, dass wir nicht bessere Feminist*innen werden, nur weil wir etwas konsumieren, wo „Girl Power“ drauf steht.

Wir sollten also eher kritisch, vorsichtig, auf der Hut sein, wenn es um Konsum geht.

Tatsächlich ist es sogar so, dass der Kapitalismus und das Patriarchat eine wunderbare Symbiose eingehen. Sie profitieren voneinander. Sie verstärken sich gegenseitig. Und das müssen wir einfach auf dem Schirm haben. 

Feministisch sein zu wollen, ohne den Kapitalismus dabei zu berücksichtigen, ist aus meiner Sicht kein Zeichen für Feminismus. 

Und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass feministisches Marketing auch durchaus über den Kapitalismus hinaus denken kann. Also ich denke da an Kreislaufwirtschaft zum Beispiel oder Suffizienzmarketing, wo es eben darum geht, reflektiert zu konsumieren.

Feministisches Marketing darf nicht ausbeuterisch sein. Und ich habe in meinen acht Jahren Selbstständigkeit leider viel zu oft Bekanntschaft mit Unternehmerinnen gemacht, die auf Social Media ein feministisches Image an den Tag legen und sich dafür aussprechen, Frauen zu stärken, doch gleichzeitig ein großes Problem damit haben, die Freelancerinnen, mit denen sie zusammenarbeiten, angemessen zu bezahlen. Und sie feilschen um jeden Euro und bezahlen die Rechnungen viel zu spät. Usw.

Punkt #6: Feministisches Marketing ist solidarisch

Ich habe es ja schon mehrmals gesagt: Wir können nicht die Situation von einer Gruppe von Frauen verbessern, wir müssen die Situation von allen Frauen verbessern.

Und es gibt da so eine Praxis, vor allem unter Onlineunternehmerinnen, und das ist, dass es für Produkte Ratenzahlungen gibt mit einem Aufpreis.

Das heißt: Wenn ein Produkt 1.000 Euro kostet, dann zahlen diejenigen, die sich diese Einmalzahlung leisten können, die 1.000 Euro. Aber diejenigen, die sich die Einmalzahlung nicht leisten können und auf Ratenzahlung angewiesen sind, zahlen dann 4x 300 Euro und damit insgesamt 1.200 Euro. Zum Beispiel.

Ja, es geht mir hier gar nicht um konkrete Zahlen. Das können mal 10% sein oder 20% Aufschlag für Ratenzahlungen sein.

Wichtig ist, dass Frauen, die nicht über entsprechende finanzielle Ressourcen verfügen, zusätzlich bestraft werden, indem sie einen höheren Gesamtbetrag zahlen müssen.

Das machen super viele Onlineunternehmerinnen so, weil sie sagen: 

Der Aufschlag deckt den buchhalterischen Mehraufwand ab und natürlich ist da auch immer noch das Risiko eines Zahlungsausfalls. 

Und das ist alles sicherlich richtig, nur:

Wir können uns auch dafür entscheiden, solidarisch mit den Frauen zu sein, die über weniger finanzielle Ressourcen verfügen als wir, und das Risiko eines Zahlungsausfalls auch selbst tragen. 

Wir können uns dafür entscheiden, gesellschaftliche Teilhabe zu fördern und zu versuchen, es allen oder zumindest möglichst vielen Frauen zu ermöglichen, etwas Neues zu lernen und bei einem Programm dabei zu sein.

Ich kenne auch Onlineunternehmerinnen, die bieten Stipendien an und sagen: Für zehn verkaufte Plätze spendiere ich einen Platz. Auch das ist eine wunderbare Möglichkeit, Teilhabe zu ermöglichen.

Es ist einfach wichtig, wenn einem Feminismus wichtig ist, sich zu fragen: Wie kann ich solidarisch mit anderen Frauen sein?

Denn leider ist es häufig so, dass gerade die Onlineunternehmerinnen, die die heftigsten Aufpreise für Ratenzahlungen nehmen, dann auch sehr öffentlichtkeitswirksam spenden, und das ganze Thema dadurch eben eine gewisse Willkür bekommt. 

Denn warum spende ich einen großen Betrag und erzähle darüber immer auf Social Media, aber Frauen, die über weniger finanzielle Ressourcen verfügen als ich, kann ich dann nicht entgegenkommen? 

Das erklärt sich mir nicht wirklich, muss ich sagen. Ich weiß nur so viel: Feministisches Marketing muss solidarisch sein.

Punkt #7: Feministisches Marketing ist sprachsensibel

Feministisches Marketing ist sich dessen bewusst, dass wir mit Sprache Menschen einschließen können, aber auch ausschließen können. Und feministisches Marketing entscheidet sich dafür, Menschen einzuschließen.

Und das bedeutet, ja, zu gendern, wie es immer so schön heißt.

Das bedeutet, wenn ein Unternehmen die Botschaft verbreitet, dass die Stärkung von Frauen ein so wichtiges Anliegen für das Unternehmen ist, doch dieses Unternehmen in seinen Marketingtexten nur Männer anspricht, weil es eben „nicht den Sprachfluss“ stört, ist diese Botschaft nicht glaubwürdig.

Wir können Frauen stärken und sie nur „mitmeinen“ – das funktioniert nicht.

Wir müssen sie explizit ansprechen in unseren Texten, es gibt keinen anderen Weg. 

Auch wenn wir natürlich sehr gerne darüber reden können, wie wir inklusiv sprechen und schreiben, also dass wir uns über konkrete Maßnahmen unterhalten und zum Beispiel überlegen, wie unsere Sprache auch möglichst barrierefrei wird und so weiter. 

Doch das Gendern pauschal abzulehnen, ist das Gegenteil von Feminismus.

Sprachsensibilität ist aber noch mehr als nur Gendern. Es geht grundsätzlich darum, machtsensibel zu sein und bei allem, was wir sagen, zu reflektieren, wer hier auf wen Macht ausübt und was unsere Worte bei anderen Menschen bewirken.

Das ist keine Frage ausschließlich für die Linguistik, sondern natürlich auch fürs Marketing.

Denn manchmal erreichen Kampagnen Millionen von Menschen, und ich finde schon, dass vor allem große Unternehmen eine Verantwortung tragen, ihre Botschaft bestmöglich zu prüfen.

Punkt #8: Feministisches Marketing ist Alltag – kein Weltfrauentag-Marketing-Gag

Denn für mich bedeutet feministisches Marketing, dass mir das Anliegen von Frauen an 365 Tagen im Jahr wichtig ist und dass ich mich als Unternehmen auch feministisch positioniere, wenn mal nicht Weltfrauentag ist und sich da so wunderbar eine Kampagne starten lässt.

Wer 364 Tage im Jahr nicht unbedingt als feministisch auffällt, wird sich vermutlich nur schwer ein feministisches Image aufbauen können, wenn am Weltfrauentag mal in einem Video Frauen gezeigt werden, die Basketball spielen.

Es geht beim feministischen Marketing darum, jeden einzelnen Tag feministisch zu sein, weil – und jetzt kommen wir wieder zum Anfang zurück:

Feminismus ist kein Marketing-Gag. 

Es ist die Position, dass das Männliche und Weiße nicht das Neutrale und Normale und der Standard ist, sondern dass alle Menschen und alle Perspektiven und Lebensrealitäten wichtig und richtig sind und deshalb auf allen Ebenen berücksichtigt werden müssen. Auch im Marketing.

Und feministisches Marketing bedeutet deshalb letzten Endes, diese Position konsequent jeden Tag zu leben und zu fördern und dafür einzustehen und sie zu verteidigen, wenn es sein muss. 

Und nein, dafür brauchen wir definitiv keine Girlboss-Tasse.

Shownotes:

Der Thomas-Kreislauf

Website

Buch „No Social Media!“

Buch „Don’t be evil“

Newsletter

Onlinekurse

Weiterlesen
Marketing ohne Social Media Alexandra Polunin Marketing ohne Social Media Alexandra Polunin

Schreiben als Marketingstrategie

Nachdem ich Social Media verlassen hatte, hatte ich plötzlich einen Gedanken: dass ich gerne schreibend online sichtbar werden und Kund*innen gewinnen will. An sich ist das ein total unspektakulärer Gedanke, aber er setzte super viel in Gang und deshalb möchte ich heute in dieser Podcastfolge über Schreiben als

Man könnte ja meinen, dass ich total „anti“ bin, weil ich mich immer so kritisch gegenüber sozialen Medien äußere.

Tatsächlich ist das aber gar nicht der Fall, wie du dir hoffentlich schon gedacht hast. Denn mein Herz schlägt einfach nur fürs Schreiben, dem es nicht darum geht, Algorithmen zu gefallen.

Und ich glaube, dass das auch schon so war, als ich mit Social Media begonnen hatte, aber ich habe es mir einfach nur nie eingestanden. 

Und irgendwann, als ich dann raus war aus den sozialen Medien, hatte ich plötzlich einen Gedanken. Und zwar, dass ich gerne schreibend online sichtbar werden und Kund*innen gewinnen will. Und dass ich andere Selbstständige dabei unterstützen will, dasselbe zu tun.

Ja, an sich ist das ein total unspektakulärer Gedanke – „schreibend online sichtbar werden“ – aber er setzte super viel bei mir in Gang und deshalb möchte ich heute in dieser Podcastfolge über Schreiben als Marketingstrategie reden und wie es ist, Kund*innen schreibend zu gewinnen.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Schreiben als Marketingstrategie klingt wie ein ziemlich banaler Gedanke, aber ich hab ihn als unfassbar mächtig empfunden. 

Zunächst einmal war das ein Gedanke, der mir quasi augenblicklich Entspannung und Erleichterung in meinem Körper gebracht hat. Denn Marketing kann so komplex sein. Wir können ja theoretisch auf so vielen verschiedenen Plattformen unterwegs sein, dass man das tatsächlich auch körperlich spüren kann, wenn man erkennt, was man davon eigentlich will und was nicht. 

Das gibt ganz viel körperlich spürbare Klarheit.

Klarheit bedeutet, dass ich zum Beispiel Marketingstrategien ausschließen kann, die eben nichts oder nur wenig mit Schreiben zu tun haben.

Das war bei mir ganz klar Social Media. Natürlich schreiben wir dort auch, also zum Beispiel Captions. Aber letzten Endes stand bei mir eigentlich immer die Erstellung von Grafiken und Videos im Vordergrund. Oder das Interagieren und Liken und Hashtags recherchieren. Das Schreiben hatte tatsächlich einen so geringen Anteil beim Social-Media-Marketing, dass ich nie den Eindruck hatte, dass ich jetzt sonderlich viel schrieb, sondern ich hab eigentlich immer irgendwelche Grafiken erstellt oder Storys gemacht. Also so gefühlt.

Das hat mich vermutlich immer auch am meisten an Social Media gestresst. Dieses Videodrehen und vor der Kamera stehen und sich inszenieren. Ja, und wer sich entschließt, schreibend online sichtbar zu werden, braucht sich dann eben auch nicht mehr so viel mit Ringlichtern zu beschäftigen oder mit Videoschnittprogrammen. Ein großer Vorteil, wie ich finde.

Klarheit haben wir dann auch, wie wir unseren Arbeitstag verbringen, wenn wir Marketing machen: mit Schreiben.

Da geht es dann nicht mehr darum, viele verschiedene Aufgaben in einen Tag zu packen, also Videos für Insta drehen, auf Facebook live gehen, Blogartikel veröffentlichen, Kommentare auf TikTok beantworten usw, sondern es geht einfach nur darum zu schreiben. 

Das mag langweilig klingen, tatsächlich aber wird Marketing so viel einfacher und die To-do-Liste um einiges kürzer. Und das ist dann einfach eine spürbare Erleichterung im Arbeitsalltag.

Vor allem natürlich, wenn Schreiben zu deinen Stärken gehört und du dich dann quasi permanent in deiner Geniezone befindest. Dann kannst du nämlich über die Zeit deine Fähigkeiten weiterentwickeln, üben und immer besser werden.

Bei Social Media war das so, dass Videos erstellen und die ganze Inszenierung drumherum nicht zu meinen Stärken gehörten und ich im Grunde mehrere Jahre damit verbrachte, an meinen Schwächen rumzudoktern.

Und da ist es ja meistens so: Wenn man Schwächen verbessert, wird man maximal okay, ja. Es spricht natürlich überhaupt nichts dagegen, nur okay irgendwo zu sein. 

Doch warum sollten wir uns die ganze Zeit auf unsere Schwächen fokussieren und an ihnen arbeiten, um okay zu werden, wenn wir stattdessen auch gleich unsere Stärken stärken könnten und irgendwann vielleicht sogar sensationell werden in dem, was wir tun?

Ja, du siehst: Schreiben als Marketingstrategie hat eine Menge Vorteile und jetzt können wir natürlich auch nochmal darüber reden, wie das dann konkret aussehen kann.

Bei mir beginnt im Grunde alles immer mit der Website. Und sie bietet so viele Möglichkeiten zu schreiben, dass es einem fast schon schwindelig wird.

Da ist allen voran die Startseite, die im Grunde das Schaufenster deiner Website ist. Und wo du schreibend zeigen kannst, was es alles bei dir gibt. Und auf der Über-mich-Seite kannst du über dich und deinen Werdegang erzählen, so detailliert und persönlich, wie du das möchtest. 

Ich selbst liebe meine Website und helfe anderen Selbstständigen auch wahnsinnig gerne dabei, ihre eigenen Websitetexte zu schreiben. Ich glaube nämlich, dass es nichts Besseres für Selbstständige gibt, als ihre Websitetexte tatsächlich auch selbst zu schreiben und so eben all die Reflexion und Klarheit mitzunehmen, die sich aus dem Schreiben ergibt.

Und genau deshalb empfehle ich auch immer, KI oder das Outsourcen von Texten auf das absolut nötige Minimum zu begrenzen und sich lieber darin zu üben, persönlich zu schreiben und so über die Zeit eine individuelle und, wenn es gut läuft, unverwechselbare Schreibstimme zu entwickeln.

Ja, gehen wir weiter zum Blog. Denn wenn es darum geht, schreibend online sichtbar zu werden und Kund*innen zu gewinnen, darf der Blog natürlich nicht fehlen.

Denn auch hier gibt es wahnsinnig viele Möglichkeiten zu schreiben. Wir können in unserem Blog Tipps geben oder aus dem Nähkästchen plaudern oder unsere Projekte zeigen oder einfach wichtige Texte zu unserem Thema schreiben, die dann geteilt werden können.

Und natürlich können wir auch suchmaschinenoptimierte Texte schreiben, die das Ziel haben, möglichst weit oben in den Suchergebnissen z.B. bei Google zu erscheinen.

Ich finde es immer schade, wenn persönliche Texte und suchmaschinenoptimierte Texte manchmal gegeneinander ausgespielt werden, wenn man über Blogs spricht. 

Denn ich finde, dass alle Formen von Blogartikeln sich wunderbar ergänzen und alle ihre Berechtigung haben.

Wir können heute einen suchmaschinenoptimierten Artikel schreiben und nächste Woche einen persönlichen, wo wir auf Suchmaschinenoptimierung pfeifen, und übernächste Woche können wir dann ein Kundenprojekt vorstellen. Wir können kurze Texte schreiben und lange Texte schreiben und alles dazwischen schreiben. Und wir können auch mal nur ein Zitat schreiben als Blogartikel. Denn: Warum auch nicht?

Ich glaube, gerade so eine Vielseitigkeit ist die Stärke eines Blogs und deshalb ist ein Blog eine so tolle Möglichkeit für mich, schreibend Marketing zu betreiben. Und ja: Wenn du noch keinen hast, dann ist es auf jeden Fall eine gute Idee, damit zu starten. Übrigens auch 2024 und auch wenn es KI und Social Media gibt.

Neben einer Website und einem Blog ist ein Newsletter die nächste Möglichkeit, schreibend Marketing zu betreiben.

Ein Newsletter ist im Grunde deine Fanbase ohne Social Media. Und im Gegensatz zu Social Media gehören die Kontakte auch wirklich dir. Die sind nicht verloren, wenn du mal beschließen solltest, dass du den Newsletter-Dienstleister wechselst, wie es ja bei sozialen Medien der Fall ist.

Wenn du mal keine Lust auf TikTok haben solltest, kannst du deine Follower nicht einfach exportieren und zu Instagram mitnehmen. Sie sind dann unweigerlich verloren. 

Und das ist beim Newsletter eben nicht der Fall. 

Außerdem erreichen Newsletter viel mehr Menschen als Social-Media-Posts. Es gibt da jedes Jahr so viele Statistiken, die zeigen, dass es immer schwerer wird, dass Menschen unsere Social-Media-Posts einfach mal zu Gesicht bekommen, geschweige denn, dass sie mit unseren Inhalten interagieren. Und beim Newsletter können wir immer noch davon ausgehen, dass 25, 30, 40 manchmal auch 50 Prozent der Menschen, die den Newsletter bekommen, ihn tatsächlich auch öffnen.

Ich liebe meinen Newsletter sehr und den meisten meiner Kundinnen geht es da ähnlich. Es ist entspannend, das Tempo selbst zu bestimmen und immer dann einen Newsletter zu schreiben, wenn man Bock drauf hat – und eben nicht, wenn man denkt: Die Algorithmen wollen, dass ich mal wieder was poste.

Und es ist schön, eine Rückmeldung auf Newsletter, die man geschrieben hat, zu bekommen. Denn die sind meist viel länger und tiefer und ausführlicher als auf Social Media. 

Deshalb: Wer Marketing schreibend betreiben will, ist mit einem Newsletter auf jeden Fall gut beraten. 

Eine weitere Möglichkeit, schreibend online sichtbar zu werden, ist ein Buch zu schreiben. Und das ist für all diejenigen eine gute Idee, die schon etwas fortgeschrittener sind und schon viele Inhalte haben, auf die sie zurückgreifen könnten. Und ja, vielleicht auch schon eine gute Positionierung und einen Namen, der schon mit einem bestimmten Thema verknüpft ist.

Ein Buch schreiben ist, je nachdem wie lange es werden soll, ein Projekt für mehrere Monate, wenn nicht gar noch länger. Und deshalb ist es vermutlich die komplexeste und anstrengendste Strategie, schreibend online sichtbar zu werden. Aber es ist mit Sicherheit eines der tollsten Gefühle, sein eigenes Buch in der Hand zu halten.

Ein bisschen off-topic, aber ich muss dann immer an den Film „Zurück in die Zukunft“ denken, wo der Vater aus der veränderten Zukunft dann sein geschriebenes Buch auspackt und sagt: „Wie ich immer gesagt habe. Wenn man sich nur ordentlich bemüht, kann man alles auf die Beine stellen.“

Und genau das ist es nämlich: extrem viel Arbeit und Mühe. Und ein Buch zu schreiben ist nicht so glamourös, wie es oft dargestellt wird. So nach dem Motto: Ich bin total inspiriert und im Flow und schreibe alles aligned mit Leichtigkeit und keine Ahnung.

Es ist einfach Arbeit. 

Arbeit, die Freude macht und bei der man viel lernt und bei der man über sich hinauswächst. Aber es ist definitiv Arbeit.

Ich selbst hab mittlerweile drei Bücher geschrieben. Zwei im Selfpublishing und eins im Verlag. Und gerade das letzte war auf 400 Seiten angesetzt. Und deshalb, ja, hat das Thema meinen Alltag definitiv über mehrere Monate bestimmt. Aber ich wollte es eben auch genauso haben.

Und vielleicht fragst du dich jetzt: 

Und wie passt dann der Podcast in das ganze Thema schreibend online sichtbar werden rein?

Nun, auf den ersten Blick vermutlich nicht so viel. Es ist aber so:

Podcasting hat viel mehr mit Schreiben zu tun, als man denkt.

Es gibt sicherlich Menschen, die notieren sich nur ein paar Stichworte und sabbeln dann drauf los. 

Ich bin nicht so ein Mensch. Bei mir beginnt die Planung für eine Podcastfolge immer auf dem Papier. Und bevor ich auch nur ein Wort einspreche, mache ich mir viele Notizen. Ich erstelle mir ein ausführliches Skript. Und ja, deshalb schreibe ich beim Podcast definitiv mehr, als dass ich die Folge dann einspreche. Und deshalb gehört auch der Podcast bei mir tatsächlich zu den schreibenden Marketingstrategien.

Und das Beste, finde ich, ist, dass dieses Skript zu erstellen, auch sehr lehrreich dafür ist, so zu schreiben, wie man spricht. Und ich hab definitiv gemerkt, dass sich auch meine Websitetexte, Blogartikel und Newsletter stark verändert habe, seit ich diesen Podcast hier gestartet habe.

Insofern ja: Podcasting ist eine schreibende Strategie durch und durch.

Und ich hoffe, dass du in dieser Podcastfolge einen kleinen Einblick bekommen hast, was es bedeutet, Schreiben als Marketingstrategie anzuwenden. Du siehst, wir haben einige Möglichkeiten. Einsteiger*innen können sich auf die Website verlassen und auf den Blog und einen Podcast starten oder einen Newsletter starten. Fortgeschrittene können es mit einem Buch versuchen. Und egal, wofür du dich entscheidest, ich wünsche dir ganz viel Freude damit.

Shownotes:

Website

Buch „No Social Media“

Buch „Don’t be evil“

Newsletter

Onlinekurse

Weiterlesen
Social-Media-Kritik Alexandra Polunin Social-Media-Kritik Alexandra Polunin

Happy „Ohne Facebook“-Tag!

Wusstest du, dass heute „Ohne Facebook“-Tag ist? Lass uns in dieser Folge mal Facebook genauer unter die Lupe nehmen und überlegen, warum Marketing ohne Facebook tatsächlich eine gute Idee sein könnte. Ob nur ein Tag lang, ein Jahr oder vielleicht sogar für immer?

Wusstest du, dass heute „Ohne Facebook“-Tag ist? 

Ja, sowas gibt’s!

Überall auf der Welt versammeln sich heute Tausende von Menschen, um gegen den Meta-Konzern … äh, nein, leider nicht. 

Leider, leider ist der „Ohne Facebook“-Tag weitestgehend unbekannt. Deshalb müssen wir hier im Podcast wohl oder übel unsere eigene kleine Party schmeißen.

Aber das macht nichts! Lass uns in dieser Folge mal Facebook genauer unter die Lupe nehmen und überlegen, warum Marketing ohne Facebook tatsächlich eine gute Idee sein könnte. Ob nur ein Tag lang, ein Jahr oder vielleicht sogar für immer?

Folge anhören:

Transkript lesen:

Fangen wir doch mit dem aus meiner Sicht wichtigsten Grund an, ohne Facebook Marketing zu machen, und das ist für mich Marketingethik.

Denn wir als Selbstständige, Onlineunternehmer*innen und vor allem als Unternehmen tragen natürlich auch gesellschaftliche Verantwortung

Und deshalb ist es aus meiner Sicht so wichtig, dass wir nicht nur gucken, was im Marketing „funktioniert“ und da musst du dir jetzt mal Anführungsstriche dazudenken, weil „funktionieren“ ein Begriff ist, den ich gar nicht so gerne nutze, weil es sowas Maschinenartiges hat und wir dann super schnell bei „Funnels“ und „KPI“ und weiß der Geier was sind und eigentlich davon wegkommen, dass wir ja Menschen sind, die gerne Menschen helfen wollen und dass wir Menschen erreichen wollen.

Aber natürlich können wir auch nicht nur von Luft und Liebe leben und müssen unser Zeugs auch verkaufen

Aber das Ding ist: Wir können es auch wertebasiert tun und mit Integrität. Und deshalb spielen für mich ethische Überlegungen definitiv eine Rolle, wenn es darum geht, bestimmte Marketingstrategien zu nutzen oder eben nicht.

Nun ist es natürlich nicht so, dass Facebook bzw. Meta das einzige Unternehmen ist, das aus ethischer Perspektive problematisch ist. Google zum Beispiel ist definitiv auch kein Kind von Traurigkeit. Und es ist genauso problematisch Google zu nutzen wie Facebook.

Doch ich glaube nicht, dass es bei ethischen Fragen darum geht, gleich auf Anhieb „perfekt“ ethisch zu sein in allem, was wir tun. Das ist für Menschen, die nun mal menschlich sind, ja auch gar nicht möglich. 

Sondern es geht für mich wie beim Klimaschutz eigentlich auch darum zu sagen: 

Wir brauchen nicht wenige Menschen, die alles perfekt machen und ein perfekt klimafreundliches Leben führen, sondern wir brauchen möglichst viele Menschen, die es versuchen und ihr Bestes geben und sich auf den Weg machen.

Deshalb habe ich zum Beispiel auch Facebook verlassen, aber Google eben noch nicht. Das ist aber definitiv mein Plan für die nahe Zukunft, da zu gucken, wie ich mich mittelfristig „ent-google“. 

Ja, nur so viel dazu und jetzt können wir ja mal überlegen, was an Facebook aus ethischer Perspektive ein Problem sein könnte.

Zunächst einmal ist das für mich der Fakt, dass Facebook Daten zu einem Wirtschaftsgut erklärt hat und Daten im sehr großen Stil sammelt und diese Daten an Werbetreibende weiterverkauft

Das passiert meistens ohne das Wissen oder Einverständnis von Menschen, die Facebook nutzen oder nicht nutzen. Und das ist ein großes Problem. Denn Privatsphäre ist ein Grundrecht. So wie Meinungsfreiheit oder Glaubensfreiheit. 

Und Privatsphäre ist in fast allen Ländern in irgendeiner Form anerkannt, z.B. 

  • in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Artikel 12)

  • in der Europäischen Menschenrechtskonvention (Artikel 8) 

  • und in der Europäischen Charta der Grundrechte (Artikel 7) verankert

Auch in Deutschland wird das Recht auf Privatsphäre im Grundgesetz durch das Persönlichkeitsrecht geschützt. 

Doch, ja, den Meta-Konzern interessiert das Ganze aber nicht. Und er sammelt munter weiter personenbezogene Daten, weil das im Grunde das Geschäftsmodell von Meta ist. 

Falls du da einen Buchtipp brauchst: Es gibt ein unfassbar gutes, detailliertes, aber extrem langes und schwer zu lesendes Buch von der Harvard-Professorin Shoshana Zuboff. Es heißt „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ und ja, du brauchst bei dem Buch definitiv Durchhaltevermögen, aber falls dich das Thema interessiert, gibt es aus meiner Sicht kein besseres Buch dafür.

Doch es bleibt nicht nur dabei, dass Meta das Grundrecht auf Privatsphäre verletzt. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass das Geschäftsmodell mit den Daten und damit verbunden das Mikrotargeting von rechten Gruppierungen für die Verbreitung von Hassbotschaften genutzt wird oder auch zur Manipulation von Wahlen. Du hast vielleicht von Cambridge Analytica gehört, wenn nicht verlinke ich dir da mal was in den Shownotes.

Das heißt: Das Mikrotargeting, das der Meta-Konzern ermöglicht, ist eine große Herausforderung für die Demokratie. Und viele gehen sogar soweit, dass sie sagen: Es ist eine Bedrohung für die Demokratie.

Und da sind wir als Selbstständige, Online-Unternehmer*innen und Unternehmen eben gefragt, ob wir Metas Geschäftsmodell unterstützen und beispielsweise selbst Werbung schalten oder den Meta-Pixel auf unserer Website einbinden oder eben nicht.

Doch Marketingethik ist nicht das einzige Argument dafür, ohne Facebook Marketing zu betreiben, es gibt noch so viele mehr. Und ein weiterer wichtiger Grund ist für mich die Gesundheit.

Und wenn du dich fragst: Was hat Gesundheit im Marketingkontext verloren? 

Ich glaube, sehr viel.

Denn gerade für Selbstständige ist es ja so: Wir sind unsere wichtigste Ressource. Wenn es uns nicht gut geht, wenn wir keine Kraft haben, wenn wir mit angezogener Handbremse fahren, wirkt sich das natürlich auch auf unseren Arbeitsalltag aus. 

Und ja, bei mir ist es so: Schon eine banale Erkältung, wo mir der Kopf dröhnt, sorgt ja dafür, dass ich weniger arbeite, dass ich mich nicht so gut konzentrieren kann, dass ich nicht so produktiv bin, wie ich könnte.

Nun will ich damit gar nicht sagen, dass Leistung und Produktivität das Wichtigste in der Selbstständigkeit sind, überhaupt nicht.

Ich will einfach nur sagen: Wenn es uns körperlich und mental gut geht, ist das auf jeden Fall eine gute Sache für unsere Selbstständigkeit. Und deshalb gehört für mich Gesundheit sehr wohl in einen Unternehmens- oder Marketingkontext. Und ja: Deshalb ist das mein zweiter Grund gegen Facebook-Marketing.

Wenn wir nämlich als Selbstständige merken, dass Facebook unsere Gesundheit berührt, dann ist es auf jeden Fall eine gute Idee, darüber nachzudenken, ob es das wirklich wert ist.

Und bei mir war das damals vor allem die mentale Gesundheit. Gerade, als die Pandemie losging, fand ich es extrem anstrengend, dort zu sein und Menschen beim Schwurblen zuzugucken. Auch der ganze Hass und die Fake News und ja allgemein dort die Stimmung, die muss man erst einmal aushalten können. 

Und dazu kommt ja noch, dass die Algorithmen gerade emotionalisierende Inhalte pushen und alles dafür tun, dass wir so lange wie nur möglich auf der Plattform bleiben, damit Meta noch mehr Daten sammeln kann und uns noch mehr Werbung zeigen kann. Und das kann natürlich dazu führen, dass es extrem schwer wird, da eine Balance in die Nutzung reinzubringen, und dass das ganze nicht zu einer Facebook-Sucht führt. 

Ja, das ist natürlich eine individuelle Angelegenheit, welche Auswirkungen Facebook auf einzelne Menschen hat. Deshalb kann ich dich nur dazu ermutigen, zu gucken, wie es mit Facebook und deiner mentalen oder körperlichen Gesundheit bestellt ist.

Denn sie ist, wie gesagt, eine der wichtigsten Ressourcen für Selbstständige.

Kommen wir zum letzten Grund, Facebook zu verlassen, und das ist – und jetzt kommt mal ein typisches Marketingwort – der Return on Investment. Man könnte auf deutsch auch sagen: 

Kriegen wir etwas für unsere Investition zurück?

Denn es ist ja so, dass wir, wenn wir Facebook nutzen, unter Umständen etwas investieren. Vielleicht sogar sehr viel investieren.

Wir investieren unsere Zeit. Wir investieren unsere Kraft und unsere Energie. Und wir investieren unter Umständen auch Geld, weil wir zum Beispiel Werbeanzeigen schalten oder kostenpflichtige Tools für Facebook brauchen oder Facebook-Marketing auslagern und Leute bezahlen. Oder auch weil wir uns quasi ständig dazu weiterbilden müssen und immer irgendwelche Kurse oder Beratungen kaufen. 

Und wir können uns einfach fragen, ob Facebook uns da gute Ergebnisse für unsere Investition bringt.

Ich gib dir mal ein Beispiel: 

Wenn ich einen Blogartikel für Suchmaschinen optimiere und dieser Blogartikel weit oben in den Suchergebnissen rankt, wofür es ehrlicherweise keine Garantie gibt, ist es so, dass ich mir relativ sicher sein kann, dass dieser Blogartikel mir in den nächsten Monaten oder gar Jahren Menschen auf meine Website bringt.

Das heißt: Ich mache mir einmal die Mühe, einen suchmaschinenoptimierten Blogartikel zu schreiben und dann muss ich quasi nichts mehr machen und bekomme trotzdem Ergebnisse. 

Und wenn du vielleicht schon mal einen Onlinekurs bei mir gekauft hast, weißt du: Ich frage nach jedem Kauf: Wie bist du auf mich aufmerksam geworden? 

Und genau ein Viertel der Befragten sagt: Durch eine Google-Suche.

Das heißt: SEO sorgt nicht nur dafür, dass Menschen auf meine Website kommen. Letzten Endes führt SEO zu Verkäufen.

Und auch wenn nicht jeder einzelne Artikel letzten Endes auf der ersten Suchergebnisseite rankt: Alles in allem ist SEO eine Investition, die sich auszahlt. 

Und die Frage ist: Ob das bei Facebook auch so ist. Also:

  • Erreichen deine Posts, für die du dir ja Mühe gibst, wirklich Menschen oder nur irgendwelche Spam-Accounts oder Bots?

  • Interagieren Menschen mit deinen Beiträgen? Oder kommentiert einfach nie jemand und es gibt nie Gespräche usw.?

  • Klicken Leute auf deine Links, kommen sie auf die Website?

  • Kontaktieren dich Menschen über Facebook oder bekommst du da einfach niemals Anfragen für deine Dienstleistungen?

  • Und: Wenn du mal über deine Angebote redest – kaufen Menschen? Oder ist es quasi nur ein Grundrauschen, das niemand wirklich wahrnimmt?

  • Haben Werbeanzeigen ein gutes Preis-Leistungsverhältnis für dich? Oder zahlst du vielleicht einfach nur Lehrgeld und fährst sonst keine Ergebnisse ein?

Das heißt: Du kannst einfach mal für dich gucken, was dir Facebook für deine Investition zurückgibt. Und ich empfehle dir da auch, das nicht nur mit Geld durchzuspielen, sondern auch mit Zeit und deiner Energie und deiner Gesundheit 

Denn gerade Zeit und Energie und Gesundheit sind super wertvoll und ich finde, wir sollten sehr wählerisch sein, wem wir sie schenken.

Ja, so viel zu den drei guten Gründen für einen Facebook-Ausstieg. Du hast gesehen, es war ein bunter Mix aus ethischen Argumenten, gesundheitlichen Aspekten und letzten Endes auch der Effektivität. Denn warum so viel in Facebook investieren, wenn es überhaupt keine Ergebnisse bringt?

Ich bin mir sicher, dass wir unsere Zeit, unsere Energie und unser Geld für schönere Dinge nutzen könnten.

Shownotes:

Buchtipp: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Cambridge Analytica – Was ist das?

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Buch „No Social Media!“

Buch „Don’t be evil“

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Instagram ist weird

Früher dachte ich immer, ich bin weird, weil ich nichts mit Instagram anfangen konnte. Heute denke ich: Instagram ist weird. Und genau darum geht es in dieser Podcastfolge. Über die vielen Kleinigkeiten, die „normal“ sind, seit es Instagram gibt, aber ziemlich weird sind, wenn wir genauer darüber nachdenken …

Früher dachte ich immer, ich bin weird, weil ich nichts mit Instagram anfangen konnte. Heute denke ich: Instagram ist weird.

Und genau darum geht es in dieser Podcastfolge. Über die vielen Kleinigkeiten, die „normal“ sind, seit es Instagram gibt, aber ziemlich weird sind, wenn wir genauer darüber nachdenken …

Folge anhören:

Transkript lesen:

Als ich in der neunten Klasse war, war da dieser Junge. Es hieß, er sei in mich verliebt, doch er hat mir seine Gefühle nie gestanden oder so. Stattdessen schlich er sich während Musicalproben in die Trainingsräume, versteckte sich hinter einem Vorhang und beobachtete mich, wie ich Tanzschritte übte. 

An anderen Tagen fuhr er mit dem Fahrrad an unserem Haus vorbei und sah zu, wie ich mich auf dem Balkon sonnte oder las. 

Und ich freute mich natürlich tierisch über meinen treuen Follower und bedankte mich artig bei ihm fürs Folgen. 

Äh, nein. Dieser Kerl jagte mir eine Scheißangst ein und ich ging ihm im Schulalltag, so gut es ging, aus dem Weg. 

Doch auf Social Media lassen wir uns inzwischen freiwillig so beobachten und auf Schritt und Tritt durch den Alltag begleiten. 

Wir zeigen freiwillig, wie wir unsere Tanzschritte üben (das nennt sich heute TikTok).

Wir zeigen freiwillig, wie wir auf dem Balkon chillen (dafür ist Instagram da). 

Und wir lassen freiwillig Menschen, die wir gut kennen, flüchtig kennen, gar nicht kennen, in unser Zuhause rein und zeigen ihnen völlig freiwillig unsere Möbel, unsere Pflanzen, Deko, vorbeilaufende Kinder, Hunde, Katzen, die Bilder an der Wand, die Bücher im Regal, das Essen auf dem Teller, die Smoothies im Glas, den Kaffee, das Schlafzimmer und sogar unser Bett. 

Und wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich das ziemlich weird. 

Und genau darum soll es in dieser Podcastfolge gehen. Ich möchte einen Blick darauf werfen, was durch Instagram mittlerweile als völlig normal gilt. Aber wenn wir genauer überlegen, eigentlich ziemlich weird ist.

Ja. Instagram ist weird. 

Aber nicht nur, weil wir freiwillig unsere Privatsphäre aufgeben und so unfassbar viele Menschen in unser Zuhause reinlassen, wie ich zu Beginn beschrieben habe. 

Wir lieben es im Gegenzug auch, andere Menschen beim Leben zu beobachten. Wir teilen ja nicht nur auf einmal alles mit der Welt. Wir wollen auch alles sehen, was andere Menschen mit der Welt teilen.

Schon der Begriff „Follower“ ist super weird, wenn wir genauer darüber nachdenken. Er hat wirklich massive Stalking-Vibes und ganz ehrlich, das ist es auf Social Media oft auch. 

Wir schauen anderen Menschen beim Leben zu: beim herabschauenden Hund, beim Frühstück, in der Badewanne oder bei der Verlobung. Wir verschlingen gierig jeden Beitrag, warten sehnsüchtig auf den neuen, während wir uns die Zeit mit älterem Content vertreiben. 

Wir schauen uns Storys an. Alte, neue und alle dazwischen in den Highlights. Manchmal mehr als einmal. Manchmal jeden Abend wieder. 

Und wenn ein paar Tage kein Beitrag in unseren Feed gespült wurde, schauen wir besorgt nach, ob wir womöglich etwas verpasst haben. Schließlich können wir unser Leben praktisch nicht weiterleben, ohne zu wissen, mit welcher pflanzlichen Milch unser Lieblingsinfluencerin heute ihr Porridge zubereitet hat. 

Und das ist etwas weird, wenn wir ehrlich sind.

Weird ist auch, dass Filter auf Social Media zur neuen Normalität geworden sind. 

Wir teilen ja nicht nur den Moment, so wie er ist, wir bearbeiten den Moment, indem wir rosarote, glitzernde Filter darüber legen.

Besonders krass ist es mit Gesichtern, finde ich. Denn die meisten Gesichter, die ich damals auf Instagram sah, waren mit Filtern bearbeitet. Das heißt, es ist völlig normal geworden, auf Instagram nicht so auszusehen, wie man es eigentlich tut

Das sind meistens dann Filter, die das Gesicht dahingehend verändern, dass man „normschöner“ wird, d.h. große Augen hat, eine kleinere Nase oder höhere Wangenknochen. 

Und ja, damit wir nicht negativ auffallen und die einzigen sind mit Augenringen oder Pickeln, machen wir da natürlich mit und optimieren unser Gesicht auch, sobald wir eine Story machen.

Und das ist alles gar nicht harmlos, wie man meinen mag, Filter machen ja Spaß und so. Es kann tatsächlich ernsthafte psychische Konsequenzen nach sich ziehen. Man nennt das „Snapchat Dysmorphia“. Das bedeutet, dass sich Menschen so sehr an die Gesichter mit Schönheitsfiltern aus Social Media gewöhnen, dass sie ihr Gesicht ohne Filter als unglaublich hässlich empfinden und richtig darunter leiden. Und laut Studien aus der Schönheitschirurgie geben auch die Hälfte der Menschen mittlerweile als Grund für ihre Schönheits-OP Selfies für Social Media an.

Es gab sogar mal einen Filter auf Instagram, ich weiß gar nicht, ob es ihn noch gibt oder ob er inzwischen vielleicht sogar verboten wurde: Dieser Filter hat jedenfalls die typischen Linien ins Gesicht gezeichnet, die Schönheitschirurg*innen einzeichnen würden, sodass man eben genau sehen konnte, wo im Gesicht Operationsbedarf herrscht.

Und ganz ehrlich: Ist das nicht super weird?

Instagram ist auch weird, weil auf den meisten Accounts so getan wird, als würde es im Leben nur Highlights geben. 

Das heißt: Alle posten immer nur das, was gut läuft, und die Urlaube und die Erfolge und das Glück. Und wenn es bei uns mal nicht so rund läuft oder wir auch nur ansatzweise die Gefühle fühlen, die auf Instagram eben kaum gezeigt werden, fühlen wir uns nicht normal. Und das ist weird.

Denn es gibt nichts Unnormales an Herausforderungen oder Problemen oder an Plänen, die nicht gelingen. Und es gibt auch nichts Unnormales an Gefühlen wie Wut oder Trauer oder Verzweiflung. 

Das alles gehört zu der Bandbreite eines menschlichen Lebens dazu. Doch wenn auf Social Media und insbesondere Instagram nur die schönen Seiten des Lebens inszeniert werden, fühlen wir uns eben schlecht, wenn wir mal phasenweise auf der nicht so schönen Seite des Lebens oder der Gefühle sind. 

Aber es ist ja völlig klar, wieso wir nur unsere Highlights auf Instagram posten. Und das ist, weil es meist um Likes und Anerkennung geht.

Und ist das nicht weird?

Denn zum einen begeben wir uns ja freiwillig in eine Bewertungssituation. Das heißt: Jeder Social-Media-Post sagt im Grunde: 

„Bewerte mich. Zeige mir, was ich wert bin.“

Und dann erhalten wir die Antworten in Form von Likes (oder ausbleibenden Likes), Kommentaren (oder keinen Kommentaren), Shares (oder keinen Shares). 

Und wenn dann Heidi Klum mal kein Bild für uns hat, geht es uns ziemlich dreckig damit. Denn dann fangen wir an zu grübeln: 

Warum hat die Kollegin immer so viele Likes, aber ich nicht?

Warum hatten meine Posts von vor zwei Wochen mehr Likes als der heute? Was mache ich falsch?

Sehe ich zu dick auf dem Foto aus oder was ist da los?

Das heißt: Wir knüpfen unseren Selbstwert als Mensch an Likes – und das ist ziemlich weird, weil: Road to Disaster. Es kann nur Probleme nach sich ziehen, sich an Likes zu orientieren. Und Studien zeigen auch, dass sie Menschen maximal kurzfristig gut fühlen lassen.

Langfristig schaden sie eher der mentalen Gesundheit.

Ich hab früher immer gedacht, dass ich weird bin, weil Instagram mich immer so fertig gemacht hat. Aber ich glaube mittlerweile, dass Instagram weird ist. Und irgendwie beruhigt mich dieser Gedanke.

Shownotes:

Faking it: how selfie dysmorphia is driving people to seek surgery

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Website-Liebe: Drei Vorteile einer Website (Es ist nicht das, was du denkst!)

Eine Website ist nicht einfach nur eine Website. Neben offensichtlichen Vorteilen (digitales Zuhause, SEO & Co.) gibt es viele weitere gute Gründe für eine Website, die du bisher vielleicht gar nicht so auf dem Schirm hattest. Und genau darum geht es in dieser Podcastfolge.

Heute ist Valentinstag und wenn es etwas gibt, was ich abgöttisch liebe in meinem Social-Media-freien Marketing, ist das: meine Website.

Und ich hab sie mal wieder frisch überarbeitet und auch vom Design neu machen lassen und mein Sohn meinte nur: 

„Schon wieder? Hast du sie nicht erst vor Kurzem neu gemacht?“

Und das Ding ist: Eine Website ist nicht einfach nur eine Website. Sie hat so viele weitere Vorteile für unsere Selbstständigkeit und das Marketing, die dir bisher vielleicht gar nicht so bewusst waren.

Und genau darum soll es heute hier gehen.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Bevor ich über die Vorteile einer Website spreche, die du vielleicht noch nicht auf dem Schirm hattest, möchte ich noch einmal vermutlich bereits bekannte Vorteile einer Website nennen.

Denn es gibt tatsächlich eine Menge Selbstständige da draußen, oft lokale Unternehmen wie Restaurants, die eine Social-Media-Präsenz haben, aber keine eigene Website. 

Und wenn auch du dazu gehörst und grundsätzlich nicht einsiehst, den Aufwand für eine eigene Website zu betreiben, wo du doch ganz einfach, schnell und kostenlos dir einen Instagram-Account anlegen kannst, noch einmal folgende Erinnerungen:

Eine Website ist dein digitales Zuhause. Es ist der Ort, den du angibst, wenn dich Menschen fragen: 

„Wo kann ich dich online finden? Wo kann ich mehr darüber erfahren, was du machst?“

Und grundsätzlich gilt das auch für Social-Media-Kanäle. Auch ein Instagram-Account kann natürlich als ein digitales Zuhause verstanden werden. Der Unterschied ist nur, dass uns dieses digitale Zuhause nicht gehört.

Wir sind dort nur zu Gast. Und es kann deshalb jederzeit passieren, dass ein Social-Media-Account gesperrt, gehackt, geflaggt oder was auch immer wird. 

Und als ich noch als Pinterest-Beraterin tätig war, habe ich bei meinen Kundinnen immer wieder gesehen, dass es ziemlich schnell gehen kann. Und meistens, ohne dass man überhaupt irgendetwas falsch gemacht hat. 

In einem Fall hat es Wochen gedauert, bis ein Instagram-Account, der gesperrt wurde, wieder entsperrt wurde. Und der Meta-Support ist da leider nicht so wahnsinnig hilfreich, wenn die User ein Problem haben. 

Insofern ja: Es ist vielleicht ein digitales Zuhause, aber es gehört uns nicht. Eine Website hingegen gehört uns. Wir können Texte schreiben und Bilder oder Videos veröffentlichen, wie wir lustig sind. Es gibt niemanden, der uns sagt: 

„Du musst jetzt aber Reels machen!“

Wir bestimmen zu 100%, wie unsere Website-Inhalte aussehen.

Darüber hinaus kann auch jeder Mensch eine Website erreichen. In jedem Browser und mit jeder Suchmaschine.

Für ein Social-Media-Zuhause gilt das nicht, denn nicht jeder Mensch hat ein Facebook-Konto oder Instagram oder was auch immer man für eine Plattform nutzt. 

Wenn ich also nach einem Restaurant in irgendeiner Stadt suche und ich nur eine Facebook-Seite finde, bin ich leider raus und werde nicht in dieses Restaurant gehen, weil ich eben gerne vorab die Speisekarte ansehen möchte und einfach gucken will, wie es im Restaurant so aussieht.

Und schließlich kann eine Website in Kombination mit Suchmaschinenoptimierung dabei helfen, online gefunden zu werden. Und das ist wirklich eine der nachhaltigsten, wenn nicht gar die nachhaltigste Social-Media-freie Marketingstrategie. EVER. 

Denn meist ist es so: Wenn man für ein Keyword rankt, bleibt man erst einmal oben. Das heißt: Man macht sich einmal die Arbeit, einen suchmaschinenoptimierten Text zu schreiben und die nächsten Monate oder gar Jahre kommen Menschen durch diesen Text auf unsere Website.

Ja, das sind die üblichen Verdächtigen, würde ich sagen, wenn es um gute Gründe für eine Website geht. 

Aber ich hab dir ja noch Gründe versprochen, über die wir noch nicht so häufig sprechen. Was schade ist. Denn das sind aus meiner Sicht mindestens genauso wichtige Gründe, eine eigene Website zu haben.

Der erste Vorteil mag ziemlich banal klingen, aber tatsächlich finde ich es unfassbar spannend.

Und zwar schreiben wir anders, wenn wir uns nicht an Algorithmen oder an Likes orientieren

Denn auf Social Media ist es ja so, dass man etwas postet und meistens sofort ein Feedback dazu bekommt in Form von Likes oder eben ausbleibenden Likes. Und meist kommentiert auch jemand sofort, wenn man etwas man postet. 

Und viele Selbstständige berichten, dass sie dadurch eben auch das oder so schreiben, von dem sie denken, dass sie dadurch mehr Likes bekommen.

Und bei Websites ist das alles ja gar nicht so vorgesehen. Das heißt: Wir veröffentlichen eine Seite und meistens passiert erst einmal nicht so viel. Das klingt jetzt vielleicht erstmal frustrierend, aber tatsächlich gibt es uns die Freiheit, so zu schreiben und das zu schreiben, was oder wie wir eigentlich wollen. Und nicht so, wie Algorithmen es von uns wollen.

Und das ist unfassbar wertvoll für Selbstständige, weil wir so mit der Zeit zu unserer Stimme, zu unserer Schreibstimme und unserer Botschaft finden und nicht einfach nur irgendwas schreiben, weil wir hoffen, dadurch zu Likes zu bekommen.

Ich hab das an mir total krass gemerkt. Früher, als ich noch auf Instagram war, war das so, dass ich mir dachte: 

„Okay, du hast die letzten Tage nichts gepostet, was kannst du mal machen?“

Und dann habe ich mir angeguckt, was in letzter Zeit gut ankam. Und ja, dann habe ich mich gezwungen, mir einen Post aus den Fingern zu saugen, weil ja nunmal Zeit für einen neuen Post war. Und es ging gar nicht mehr so sehr darum, ob ich gerade etwas Gehaltvolles zu sagen hatte, sondern ich wollte einfach die Algorithmen nicht verärgern quasi und aktiv bleiben.

Und als ich dann meine Social-Media-Kanäle löschte, merkte ich zum ersten Mal, wie anders es im Hirn ist, wenn da einfach nicht der Gedanke an Algorithmen oder Likes da ist. Das ist ein ganz anderes Schreiben und ich glaube, dass ich so viel mehr zu mir selbst gefunden habe einfach dadurch, dass ich ohne Likes oder Algorithmen im Hinterkopf schreibe.

Doch es muss noch nicht einmal der böse Algorithmus sein. Alleine das Wissen, dass etwas auf Social Media „funktioniert“ und etwas anderes nicht, kann dazu führen, dass wir unsere Worte verändern, abschwächen, weichzeichnen. 

Dass wir Ecken, Kanten, Reibungen glattbügeln und eher den Algorithmus bedienen, als zu zeigen, worum es uns eigentlich geht. Denn:

Warum etwas posten, wenn es niemanden interessiert? Warum etwas ansprechen, was sowieso keine Likes bekommen wird? 

Zudem leiden viele Menschen auf Social Media regelrecht unter einer Shitstorm-Angst. So beschreibt die Autorin Kathrin Weßling zum Beispiel in einem Artikel, wie sie Angst hat, dass das Internet herausfindet, dass sie drei Mehrweg-Coffee-to-go-Becher besitzt (obwohl ihr Umweltschutz wichtig ist) oder wie sie den Hashtag #vegan aus ihrer Bio entfernt hat, weil sie hin und wieder auch mal „nur“ vegetarisch isst.

Ja, nicht immer leicht also mit dem Schreiben für soziale Medien.

Ein zweiter Vorteil einer Website, den du vielleicht noch nicht auf dem Schirm hattest, ist, dass das Schreiben von Websitetexten zu extrem viel Klarheit führt.

Wir können das vielleicht sogar von der anderen Seite angehen, nämlich wenn es uns schwer fällt, Websitetexte zu schreiben.

Viele sagen „Schreibblockaden“ dazu, aber meine Beobachtung ist, dass wenn Selbstständige mir sagen, dass sie einfach nicht ihre Über-mich-Seite texten können oder eine Verkaufsseite oder was auch immer, dann liegt es meistens daran, dass ihnen Klarheit fehlt.

Und es ist ja völlig logisch eigentlich: Wenn ich nicht weiß, was ich schreiben soll, fällt mir das Schreiben von Websitetexten eben auch schwerer, als wenn ich genau weiß, worum es geht.

Das heißt: Websitetexte schreiben ist eine tolle Möglichkeit, Klarheit zu bekommen. 

Also auf der Über-mich-Seite zum Beispiel, wer ich bin und was von meinem Werdegang wichtig ist und was die Kernbotschaft ist von dem, was ich mache, und wen ich eigentlich erreichen will. 

Wenn ich eine überzeugende Über-mich-Seite schreiben will, brauche ich Antworten auf all diese Fragen. 

Und diese Antworten helfen mir dann nicht nur dabei, die Über-mich-Seite zu schreiben, sondern natürlich auch in ganz anderen Kontexten, z.B. 

  • wenn man in Podcast-Interviews gefragt wird, wer man ist und was man anbietet

  • oder wenn man in einem Gespräch mit einer Interessentin ist und kurz und knackig erzählen möchte, wie man ihr helfen kann

  • oder wenn man auf einem Netzwerkevent ist und sich kurz vorstellen soll

All das wird leichter, wenn ich im Vorfeld mir genügend Zeit mit meiner Über-mich-Seite gelassen habe und richtig tief in diese Fragen reingegangen bin.

Der dritte große Vorteil einer Website ist, dass die Website ein wichtiger Indikator ist, wann es Zeit für Veränderung ist.

Und vielleicht weißt du, was ich damit meine, wenn ich sage: Ich gucke auf meine Website und fühle, dass es irgendwie nicht passt. 

Und dann lese ich mir einzelne Abschnitte durch und halte mich an irgendwelchen Worten oder Phrasen auf und denke: Ah, so kann ich das nicht sagen.

Und dann merke ich: Es ist mal wieder Zeit, meine Texte zu überarbeiten. Und da schließen wir im Prinzip den Kreis zum Anfang, als ich erzählt habe, dass ich mal wieder meine Website überarbeitet habe. 

Denn: Wir verändern uns ständig. Gerade jetzt, wo sich die Welt so rasend schnell verändert, vielleicht sogar noch mehr als sonst. Und wir müssen uns ja irgendwie verorten in der neuen Welt.

Und deshalb ist es auch völlig klar, dass wir irgendwann denken, dass irgendwelche Websitetexte nicht mehr so ganz passen.

Das ist ein gutes Zeichen. Und das heißt, dass wir wieder in uns gehen dürfen und gucken:

  • Was darf bleiben?

  • Was darf gehen?

  • Was will ich ändern? 

  • Was ist mir jetzt wichtig?

  • Wer bin ich?

Erneut: Es mag so aussehen, als wäre es nur eine Startseite oder nur eine neue Über-mich-Seite. Aber tatsächlich sind das Fragen, die auch das Selbstverständnis betreffen, die Positionierung betreffen und die Kommunikation nach außen und ja Marketing im Allgemeinen.

Ich hab zum Beispiel jetzt beim Überarbeiten versucht, noch mehr von diesem Marketingsprech zu eliminieren, den ich ja ursprünglich gelernt habe. Wenn du mal bei mir auf dem Blog warst, hast du vielleicht einen Artikel über die Command Culture im Marketing entdeckt. Ich werde da auf jeden Fall auch noch eine separate Podcast-Folge dazu machen.

Es geht im Grunde darum, dass Marketingsprache heutzutage überwiegend aus Imperativen besteht. Also: 

Melde dich jetzt an! 

Sei dabei! 

Denk positiv! 

Und ja, ich hab auch lange Zeit so gesprochen und geschrieben und dann eben letztes Jahr für mich erkannt, dass ich so nicht mehr länger sprechen und schreiben will. Und es war mir ein großes Bedürfnis, meine Websitetexte und Blogartikel dahingehend zu überarbeiten. Und mir geht es jetzt wirklich so viel besser damit zu wissen, dass ich so nicht mehr auf meiner Website spreche. (Es sei denn natürlich, mir ist was durch die Lappen gegangen, was ich jetzt nicht hoffe.)

Ja, du siehst: Eine Website ist nicht einfach nur eine Website. Abgesehen von den offensichtlichen Vorteilen gegenüber Social Media ist es so, dass 

#1 Das Schreiben ohne Likes und Algorithmen im Hinterkopf ist anders als, wenn wir ständig etwas schreiben, von dem wir hoffen, dass es gleich möglichst viele Menschen liken werden. Wir bleiben mehr bei uns und dem Thema, das wir eigentlich teilen wollen. Und das führt über die Zeit dazu, dass wir eine Schreibstimme ausbilden, die vielleicht sogar unverwechselbar wird.

#2 Werden wir durch das Schreiben von Websitetexten im Grunde gezwungen, Klarheit über uns und unser Angebot zu gewinnen. Das mag nicht immer angenehm sein. Doch das ist eben nicht nur für die konkreten Websitetexte wichtig, sondern später auch für Interviews, für Verkaufsgespräche, für Netzwerkveranstaltungen und vieles vieles mehr. Und schließlich:

#3 Websitetexte sind ein guter Indikator dafür, dass sich etwas verändern darf. Und Websitetexte begleiten einen auch häufig bei Veränderungsprozessen. Es geht meist Hand in Hand, dass wir sagen: Ich fühle diese Über-mich-Seite irgendwie nicht mehr und dass wir uns vielleicht ein bisschen spitzer positionieren oder anders positionieren wollen. Oder vielleicht irgendwelche Angebote aus unserem Portfolio rausnehmen und andere dazunehmen.

Ja, und deshalb schreibe ich auch immer wieder an meinen Websitetexten und finde das auch gar nicht schlimm, sondern extrem wertvoll. Das ist nicht dieses gezwungene Gefühl wie auf Social Media, sondern ich schau mir alle paar Monate einfach genauer an, was da so auf meiner Website steht und reflektiere … ob das noch ich bin. Oder ob ich inzwischen aus den Texten rausgewachsen bin und neue brauche.

Shownotes:

Angst vor dem Shitstorm

Command Culture im Marketing

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Unbezahlte Arbeit auf Social Media – Teil 6: Mental Load

Diese Folge ist die letzte in der Reihe „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“. Heute geht es abschließend um den Mental Load, also um die mentale Belastung, die entsteht, wenn wir Socal Media als Privatmenschen nutzen oder beruflich Social-Media-Marketing betreiben.

Diese Folge ist die letzte in der Reihe „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“.

Heute geht es abschließend um den Mental Load, also um die mentale Belastung, die entsteht, wenn wir Socal Media als Privatmenschen nutzen oder beruflich Social-Media-Marketing betreiben. 

Folge anhören:

Transkript lesen:

In der heutigen Podcastfolge geht es um das Thema Mental Load auf Social Media.

Und vielleicht oder vermutlich kennst du diesen Begriff eher in einem anderen Kontext, nämlich wenn es um Care-Arbeit geht. 

Da beschreibt der Begriff, dass es neben den ganzen Aufgaben, die anfallen, wenn wir Fürsorgearbeit leisten, es noch eine weitere Art von Arbeit gibt, die aber komplett unsichtbar ist. Oder zumindest unsichtbar war. Denn zum Glück reden immer mehr Menschen über Mental Load.

Der Begriff beschreibt die mentale Belastung, die wir täglich haben, wenn wir zum Beispiel Fürsorgearbeit leisten. Denn die beinhaltet ja nicht nur, dass wir tatsächlich beispielsweise für Kinder kochen oder mit ihnen spielen oder sie ins Bett bringen. Sondern wir müssen ständig an Dinge denken und organisieren und planen und vorausschauen. 

Wenn z.B. unser Kind eine Einladung bekommt zu einem Geburtstag, ist klar: Wir brauchen ein Geschenk. Wann können wir das besorgen? Und was soll das überhaupt sein? Da können wir mal die Eltern anschreiben und nachfragen. Wir überlegen, wie das Kind auf den Geburtstag kommt. Ob wir hinlaufen können. Oder sich der Ort mit den Öffis gut erreichen lässt. Oder ob jemand fahren muss. Wir überlegen, ob wir einen anderen Termin, der mit dem Geburtstag konfligiert, verlegen müssen. Was wir in der Zeit evtl. mit dem Hund machen oder einem kleineren Kind, das zu der Zeit immer Mittagsschlaf hält. Usw. 

Es ist also nicht nur: Das Kind geht auf einen Kindergeburtstag.

Sondern: Der Kindergeburtstag kommt mit einem Rattenschwanz an Aufgaben und füllt unseren Kopf mit Dingen, an die wir denken und die wir organisieren müssen. Und deshalb heißt es eben auch Mental Load oder mentale Belastung. 

Denn da es so viele Dinge gibt, die wir auf dem Schirm haben müssen, ist dieser Mental Load für viele Frauen vor allen Dingen – denn da sie sich um die Care-Arbeit kümmern, sind sie auch stärker vom Mental Load betroffen – enorm hoch und hat häufig gesundheitliche Konsequenzen.

Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Migräne, Reizbarkeit, Bluthochdruck, Angstzustände, Depressionen bis zum Burnout, nur mal um einige typische Symptome zu nennen.

Und ja dieser Metal Load in der Care-Arbeit ist zwar noch lange nicht gelöst, aber wir reden inzwischen zumindest darüber. Und das ist beim Mental Load auf Social Media nicht der Fall.

Mir scheint, dass sich kaum jemand diesem Thema widmet. Dabei gehen auch soziale Medien mit einem enormen Mental Load einher.

Fangen wir mal an mit der Contentarbeit. Es ist ja nicht nur so, dass wir uns hinsetzen und unser Smartphone in die Hand nehmen und innerhalb von zwei, drei Minuten den perfekten Post runterschreiben – Contentarbeit heißt meist, dass wir uns permanent Gedanken darüber machen müssen, was wir wann wie posten.

Jeder Tag, jede Mahlzeit, jede Reise, jeder Gedanke, ja, jeder einzelne Moment des Tages ist potenzieller Social-Media-Content. Und das heißt: Wir sind nie mit der Social-Media-Arbeit fertig. Solange wir essen, denken, uns fortbewegen und Dinge tun, selbst wenn es nur rumgammeln auf der Couch und Tatort gucken ist, könnten wir auf Social Media theoretisch darüber reden.

Das heißt, wir gehen durchs Leben mit dieser Social-Media-Brille, die da heißt: Kann ich das auf Insta posten? Oder: Kann ich daraus eine Story-Sequenz machen?

Ständig tragen wir diesen Gedanken mit uns herum, wenn wir Social Media nutzen. 

Und wenn wir dann den Content gepostet haben und eigentlich fertig sind, steht ja schon der nächste Post an. Das heißt, wir machen uns sofort wieder Gedanken um den nächsten Content.

Gleichzeitig haben wir immer im Kopf, die Likes und Kommentare und Nachrichten zu checken. Das heißt: Wir nehmen nicht nur immer wieder unser Smartphone in die Hand, um irgendwelche Kennzahlen zu checken, wir denken auch permanent daran. Der Gedanke, dass jemand unseren Post geliket, kommentiert oder geteilt hat, ist permanent in unserem Kopf drin.

Es gibt meines Wissens im Gegensatz zum Mental Load in der Care-Arbeit keine Studien über den Mental Load auf Social Media. Das heißt: Wir tappen da so ziemlich im Dunkeln, was das Thema angeht.

Wenn ich eine Vermutung äußern dürfte, dann, dass gerade dieser Mental Load einen großen Anteil an der Social-Media-Erschöpfung hat, die viele Menschen gerade fühlen.

Social Media zu nutzen, heißt dann eben, niemals fertig mit der Arbeit zu sein. Und selbst wenn wir uns gerade nicht auf Instagram rumtreiben, sind wir dennoch in Gedanken dort. Und das kostet auf lange Sicht jede Menge Zeit und Energie.

Aber natürlich kann jede und jeder einzelne das für sich mal checken und überlegen: Wo trage ich Social Media bei mir im Kopf mit herum? Wann mache ich mir Gedanken darüber? Sorgen? Wann liege ich wach und kann nicht schlafen?

Selbst der banalste Gedanke wie „Wär das was für eine Story?“ ist streng genommen Arbeit und deshalb ist es so wichtig, dass Menschen diesen unsichtbaren Mental Load, diese unsichtbare Arbeit, für sich sichtbar machen und sich von mir aus eine Liste erstellen mit all den Aufgaben und Gedanken und Planungen und Organisationen und Sorgen und so weiter rund um die sozialen Medien. 

Erst dann können wir besser verstehen, welche Rolle Mental Load auf Social Media für Menschen tatsächlich spielt und ob auch dieser Mental Load bei Menschen dafür sorgt, dass sie ernsthaft daran erkranken.

So, das war der allerletzte Beitrag zum Thema „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“. Wir hatten die Contentarbeit, die Emotionsarbeit, die ästhetische Arbeit, die Arbeit an sich selbst und seinen Gewohnheiten und jetzt eben noch den Mental Load. 

Du solltest jetzt spätestens nach dieser Folge gesehen haben, dass soziale Medien enorm viel Arbeit von uns fordern, die meist unsichtbar und damit unbezahlt ist. Und das kann vor allem für diejenigen ein Problem sein, die eh schon am Ende ihrer Kräfte sind. Da können soziale Medien eben noch der Tropfen sein, der das Fass dann zum Überlaufen bringt und ernsthafte gesundheitliche Folgen hat.

Deshalb habe ich eine große Bitte an dich: 

Falls du jemanden kennst, der oder die von Social Media erschöpft ist, bitte leite ihr die sechs Podcastfolgen über unbezahlte Arbeit auf Social Media weiter.

Denn mir ist es ein Anliegen, Menschen deutlich zu machen, dass es nicht ihr individuelles Versagen ist. Sondern, dass Social Media viele ausbeuterische Strukturen hat, die dazu führen können, dass Frauen, die im analogen Leben ja eh schon so viel mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer, mit Social Media noch zusätzlich einen Bereich haben, der extrem viel Zeit, Energie und Geld von ihnen fordert. Und das kann erschöpfen und müde machen und stressen oder sogar in den Burnout führen.

Shownotes:

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Unbezahlte Arbeit auf Social Media – Teil 5: Selbstoptimierung

Es geht weiter mit dem Thema „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“, und in dieser Folge möchte ich über die Arbeit an uns selbst sprechen – die Selbstoptimierung. Diese findet auf verschiedenen Ebenen statt und es geht immer darum, unsere Persönlichkeit oder unsere Social-Media-Gewohnheiten zu verbessern. Wir sollen „die beste Version unserer Selbst“ werden. Warum ist das ein Problem?

Es geht weiter mit dem Thema „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“, und in dieser Folge möchte ich über die Arbeit an uns selbst sprechen – die Selbstoptimierung.

Diese findet auf verschiedenen Ebenen statt und es geht immer darum, unsere Persönlichkeit oder unsere Social-Media-Gewohnheiten zu verbessern. Wir sollen „die beste Version unserer Selbst“ werden. Warum ist das ein Problem?

Folge anhören:

Transkript lesen:

Wir machen weiter mit dem Thema „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“. In den letzten Folgen habe ich bereits über unbezahlte Contentarbeit, Emotionsarbeit und ästhetische Arbeit gesprochen. 

Und heute möchte ich über eine weitere Form unbezahlter Arbeit sprechen, die soziale Medien von uns fordern, und das ist die kontinuierliche Arbeit an uns selbst. Auch bekannt unter dem Namen Selbstoptimierung.

Und bei der Selbstoptimierung geht es um eine ständige Verbesserung von Eigenschaften oder Fähigkeit. Und damit geht sehr häufig einher, dass wir etwas messen und kontrollieren, um ja … die beste Version unserer selbst zu werden, wie es immer so schön heißt.

Auch hier ist es wie schon bei der Emotionsarbeit oder der ästhetischen Arbeit so, dass soziale Medien Selbstoptimierung natürlich nicht erfunden haben, also es gab auch schon vor Social Media Selbstoptimierung natürlich. Doch auch hier ist es so, dass soziale Medien extrem kompatibel mit Selbstoptimierung sind und deshalb die Tendenzen verstärken. 

Und mir geht es jetzt in dieser Podcastfolge auch gar nicht darum, zum Beispiel, ob Schritte zu zählen oder ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, jetzt Selbstoptimierung ist oder nicht. Mir geht es natürlich um die Arbeit an uns selbst, die für Social Media notwendig oder typisch ist.

Also was genau wollen wir nun auf Social Media verbessern?

Zunächst einmal: unsere Social-Media-Gewohnheiten. Denn die Dauerpräsenz und die ständige Verfügbarkeit, die soziale Medien von uns fordern, sind anstrengend und erschöpfend. Es gibt immer wieder Studien, die einen Zusammenhang feststellen zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Ängsten oder Burnout.

Doch wenn wir uns mal angucken, wie mit dieser Thematik umgegangen wird, dominiert der Ansatz, dass das als ein individuelles Problem dargestellt wird und nicht als ein systematisches, strukturelles Problem, das es eigentlich ist.

Das heißt, statt das System Social Media zu kritisieren und die Strukturen dahinter, wird gesagt: Naja, du kannst soziale Medien so nutzen, dass sie dir gut tun.

Ich hab das schon mal in der Folge über achtsames Social-Media-Marketing erwähnt. Es geht im Grunde darum zu sagen:

Ja, soziale Medien sind problematisch. Doch mit den richtigen Gewohnheit und Tools und dem richtigen Mindset ist das überhaupt kein Problem mehr! 

Und dann geben Social-Media-Coaches oder Achtsamkeitscoaches eben diese Tipps zur Phone-Life-Balance und zum Zeitmanagement und Tipps für einen „effektiven Workflow“ und für einen Digital Detox. 

Das heißt, wir müssen auf einmal nicht nur Social Media nutzen, um Marketing zu betreiben. Wir müssen nun auch an unseren Gewohnheiten arbeiten, um Social Media zu nutzen.

Und auch hier ist es so, dass niemand uns diese Arbeit an unseren Gewohnheiten sieht, wertschätzt oder vergütet.

Im Gegenteil: Bei mir hat es zum Beispiel dazu geführt, dass ich extrem an mir gezweifelt habe. Denn ich dachte lange Zeit: Na ja, alle anderen schaffen es, soziale Medien so zu nutzen, dass es okay für sie ist. Nur ich schaffe es nicht. Ich bin nicht gut genug. Irgendwas stimmt mit mir nicht. 

Und diese Gedanken rühren daher, dass wir Social Media individuell denken, statt strukturell. Also dass wir, sobald jemand nicht mit sozialen Medien zurechtkommt, annehmen, dass es sein oder ihr individuelles Versagen ist, warum das so ist. 

Und das Blöde daran ist, dass sich so nichts am System Social Media ändern wird. Denn wenn wir alle nun unsere Zeit tracken, die wir auf Social Media verbringen oder uns irgendwelche Apps runterladen, die uns dabei helfen, uns irgendwelche Gewohnheiten anzutrainieren, dürfen soziale Medien ja so bleiben, wie sie sind.

Das heißt, um soziale Medien nutzen zu können, ohne dass wir gesundheitlich darunter leiden, müssen wir auf einmal Zeit und Energie und Geld reinstecken. Wir müssen ständig unsere Gewohnheiten im Blick behalten und unser Verhalten tracken und messen und vergleichen und anpassen. 

Und das ist unfassbar anstrengend und: Es hat einfach kein Ende, keine natürliche Begrenzung. Wir sind niemals fertig mit dieser Art von Arbeit. Solange wir soziale Medien nutzen wollen, ohne dass wir gesundheitlich darunter leiden, müssen wir unsere Gewohnheiten im Blick behalten.

Doch Frauen auf Social Media haben durch ästhetische Arbeit nicht nur einen makellosen Körper und durch kontinuierliche Selbstoptimierung tolle Social-Media-Gewohnheiten, sondern sie sind auch immer äußerst produktiv und haben natürlich immer ihre persönliche Weiterentwicklung und Karriere im Blick. Vom Aufwachen bis zum Schlafengehen ist auf Social Media einfach alles durchoptimiert.

Es fängt an mit dem richtigen Zeitpunkt fürs Aufstehen und das ist auf Social Media fünf Uhr morgens. Denn erfolgreiche Menschen sind Frühaufsteher. Während alle schlafen, können wir ungestört unseren Zielen nachgehen. Und wenn wir nicht der Typ zum Frühaufstehen sein sollten, wollen wir es einfach nicht fest genug.

Punkt Nr. 2 ist, dass wir den Tag mit einer Meditation starten. Denn wozu sich über die ganzen Gender Pay / Tax / Pension / Care / Leadership oder Data Gaps aufregen, wenn wir die Wut auch einfach wegatmen können! So starten wir ganz entspannt in den Morgen und haben den ganzen Tag einen wunderbaren Glow.

Punkt Nr. 3 ist, dass wir nach der Meditation lesen. Und zwar mindestens zehn Seiten täglich, auf denen wir uns von einem privilegierten weißen Mann erklären lassen, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur hart genug an uns arbeiten.

Punkt Nr. 4 ist: Wir machen Sport. Denn schon 180 Minuten täglich reichen, um unseren Puls so hochzutreiben, dass wir unsere eigenen Gedanken nicht mehr hören können.

Punkt Nr. 5 ist, dass wir positiv denken. Denn: Ja, es kann so einfach sein.

Punkt Nr. 6 ist, dass wir stets gut hydriert sind. Und am besten jeden Morgen literweise Zitronenwasser und einen grünen Smoothie trinken. 

Und dann sind wir bereit für den Tag.

Und Bonus-Tipp: Wir dokumentieren jeden Schritt unseres Morgens auf Social Media, um andere Frauen daran zu erinnern, dass sie an den Anforderungen, die von allen Seiten an sie herangetragen werden, nur scheitern können.

Ja, du siehst, ich bin nicht so gut auf diese Morgenroutinen und die Hustle Culture zu sprechen, die auf Social Media inszeniert und verfestigt werden und Frauen dadurch den Eindruck vermitteln, dass sie erfolgreich werden können, wenn sie nur hart genug an sich selbst arbeiten.

Sheryl Sandberg hat diese Botschaft 2013 in die Welt gesetzt. 

In ihrem Buch „Lean in“. Sie sagt dort:

Wenn Frauen hart arbeiten und mutig sind, können sie alles erreichen, was sie sich vornehmen. 

Hört sich erst einmal gut an, ja, doch ist bei näherem Hinsehen leider nur ein unreflektierter Worthaufen, der sehr stark nach Privilegien riecht. 

Denn Sheryl Sandberg, die bis Herbst 2022 eine leitende Position bei Facebook hatte, hat ein geschätztes Vermögen von 1,5 Milliarden Dollar. Nicht Millionen, Milliarden. 

Und vermutlich lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: 

Einer weißen, reichen Frau, die – von Kinderbetreuung über Haushalt – alles auslagern kann, was sie beim Emporklettern der Karriereleiter aufhalten könnte, kommen solche Sätze leichter über die Lippen als beispielsweise Alleinerziehenden, deren Zeit, Kraft und finanzielle Ressourcen nun einmal beschränkt sind, oder Schwarzen Frauen, die möglicherweise täglich Diskriminerungserfahrungen machen müssen. 

Für die meisten Frauen dieser Erde gibt es in patriarchalen Strukturen Grenzen. Das will in der Businessbubble niemand hören, das ist aber Fakt.

Selbst wer als Frau weiß und glücklich verheiratet ist, wird – sobald Kinder ins Spiel kommen – nach durchgemachten Nächten und dank diverser Gender Gaps erst einmal nicht so leistungsfähig sein und über die nötigen Ressourcen verfügen. 

Deshalb schwächt diese Form von „Female Empowerment“ das Anliegen der Frauen. 

Und letzten Endes halst man Frauen so noch mehr unbezahlte Arbeit auf – Contentarbeit, ästethische Arbeit, Emotionsarbeit und nun eben auch die permanente Arbeit „an sich selbst“, die bereits früh morgens beginnt, wenn noch alle schlafen.

Das setzt Frauen noch mehr unter Druck, als sie eh schon stehen, und verstärkt ihre Selbstzweifel. 

Ja, das waren meine 2 Cents zum Thema Selbstoptimierung auf Social Media und wir sind fast fertig mit diesem großen, komplexen, aber, wie ich finde, total spannenden Bereich „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“. 

Fürs nächste Mal bleibt uns noch das Thema „Mental Load auf Social Media“.

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Unbezahlte Arbeit auf Social Media – Teil 4: Ästhetische Arbeit

In dieser Podcastfolge geht es um unbezahlte ästhetische Arbeit auf Social Media. Ich rede über Algorithmen, normschöne Körper und den Drang, sich immer zu schminken, bevor man eine Story macht oder ein Selfie postet.

In dieser Podcastfolge geht es um unbezahlte ästhetische Arbeit auf Social Media. Ich rede über Algorithmen, normschöne Körper und den Drang, sich immer zu schminken, bevor man eine Story macht oder ein Selfie postet.

Folge anhören:

Transkript lesen:

In der heutigen Podcastfolge machen wir weiter mit dem Thema „Unbezahlte Arbeit auf Social Media“. 

In den letzten Folgen habe ich schon über unbezahlte Contentarbeit gesprochen und über unbezahlte Emotionsarbeit, die soziale Medien von uns verlangen. Und heute möchte ich über eine weitere Form von unbezahlter Arbeit auf Social Media sprechen und das ist unbezahlte ästhetische Arbeit.

Diesen Begriff habe ich das erste Mal bei Emilia Roig in ihrem Buch „Das Ende der Ehe“ gelesen. Ein ganz tolles Buch übrigens, aber das wäre jetzt ein bisschen zu off-topic, da näher darauf einzugehen.

Für unser Thema ist relevant, dass die Autorin darin beschreibt, dass Mädchen von früh an lernen, dass sie schön aussehen müssen, um in der Gesellschaft als wertvoll angesehen zu werden, und infolgedessen eine Menge Zeit, Energie und Geld aufwenden, um sich zu pflegen, zu schminken und zu Friseuren und Kosmetikerinnen zu gehen.

In einem anderen großartigen Buch und zwar: „Die Erschöpfung der Frauen“ von Franziska Schutzbach weist die Autorin darauf hin, dass Frauen in der Regel alle dreißig Sekunden checken, wie sie aussehen. Also dass sie kontrollieren, wie ihr Haar sitzt oder ob der Lippenstift noch hält usw. 

Und wer mal in eine Drogerie geht, sieht, dass im Grunde ein Drittel der Drogerie will, dass Frauen anders aussehen, als sie es tun. Dass ihr Haar eine andere Farbe hat, dass ihre Locken definierter sind, dass es blumiger riecht und mehr glänzt. Dass die Haare auf ihrem Körper aber weggehören. Dass ihre Haut jünger aussieht, straffer, mit weniger Falten. 

Dass Rötungen, Pickel oder Augenringe versteckt gehören. Dass ihre Wimpern länger sind. 

Dass die winzigen Lücken zwischen den Härchen ihrer Augenbrauen mit einer Farbe angemalt werden. Denn sonst sehen Augenbrauen angeblich gar nicht erst aus wie Augenbrauen. 

Dass ihre Lippen voller sind, mehr glänzen, eine andere Farbe haben. Dass ihre Wangen rosiger sind. Die Nase weniger auffällig. Dass die Wangenknochen stärker betont sind. Dass die Nägel röter sind, die Füße weicher, die Hände zarter. 

Laut einer Studie von TNS Infratest geben Frauen übrigens ungefähr 300 Euro jährlich für Make-Up, Körperenthaarung und Düfte aus.

Aufs erwachsene Leben gerechnet sind es fast zwanzigtausend Euro, die Frauen diese unbezahlte ästhetische Arbeit kostet. 

Das heißt, es ist nicht nur so, dass niemand Frauen dafür bezahlt, dass sie diesen gesellschaftlichen Ansprüchen genügen, sondern dass sie das sogar noch zusätzlich Geld kostet.

Soziale Medien haben unbezahlte ästhetische Arbeit natürlich nicht erfunden, aber sie verstärken diese Arbeit zusätzlich, denn nun müssen sich Frauen nicht nur schminken, wenn sie das Haus verlassen, sondern vor jedem Selfie oder Video, das sie auf Social Media hochladen. 

Auch sonntags, abends, im Urlaub oder sogar noch vor dem Aufstehen. Es gibt ja diese Praxis, sich morgens zu schminken, dann wieder ins Bett zu gehen und Bilder mit dem Hashtag #wokeuplikethis zu posten.

Auch ich hab mich früher jedes Mal geschminkt, bevor ich eine Story gemacht habe. Zumindest ein bisschen. So die Basics. Also Primer, Puder, Foundation, Puder, Concealer, Puder, Blush, Augenbrauenstift, Eyeliner, Lidschatten, Mascara, Primer, Lipliner, Lippenstift, Finish. Das war mein „natürlicher“ Look. 

Und ja, wenn ich das mal nicht gemacht habe, habe ich fast immer besorgte Nachrichten von Followern bekommen, z.B. „Du siehst müde aus. Alles in Ordnung?“ Oder: „Na, anstrengende Nacht gehabt?“ Zwinkersmiley. Oder: „Geht’s dir nicht gut? Du siehst fertig aus …“  

Das heißt, ich war dann immer in dieser Rechtfertigungsposition, warum ich so aussehe, wie ich aussehe. Und musste immer wieder betonen, dass ich nicht müde bin, dass ich nicht krank bin, sondern dass ich mich einfach nicht geschminkt habe.

Denn Frauengesichter, die ungeschminkt sind, werden anscheinend eher als krank wahrgenommen, während Männer weiterhin unangemalte Lücken zwischen ihren Augenbrauen haben dürfen. 

Und da ich nicht ständig diese Diskussionen führen wollte, habe ich mich eben dann irgendwann jedesmal vor einem Video geschminkt. Und dann habe ich noch einen Filter genutzt. und dann hab ich oft auch noch ein Ringlicht aufgebaut, das mein Gesicht optimal ausleuchtete. Und dann sagte ich den Satz, den schon Millionen Frauen vor mir sagten und vermutlich für die nächsten Jahrzehnte voller Überzeugung sagen werden: „Ich wollte mich nur mal schnell bei euch melden …“

Und wenn wir dann unsere Social-Media-Apps öffnen und von oben nach unten scrollen und nur durchgestylte Menschen sehen, dann wollen wir natürlich nicht die einzigen sein mit Augenringen, Pickeln oder Lücken zwischen den Augenbrauenhärchen. 

Also passen wir uns an und schminken uns. 

Nun könnte man ja einfach sagen: „Herrgott, dann schminke dich halt nicht. Zwingt dich doch niemand dazu.“ 

Und ja, wenn wir das Badezimmer betreten, gibt es niemanden, der uns folgt, die Schminkutensilien ausbreitet und uns so lange nicht wieder rauslässt, bis wir die Haut unter unseren Augen mit einem Concealer bedeckt haben und unsere Lippen mit einem Lippenstift in der Farbe „Velvet Teddy“. 

Doch es gibt ja noch die Algorithmen auf Social Media

Sie bestimmen nicht nur, welche Beiträge bevorzugt angezeigt werden, sondern sie bevorzugen nachweislich normschöne Körper

Das kann ja jede oder jeder ganz einfach selbst ausprobieren und ein Foto von einem behaarten Bein oder Bauch posten. 

Was die Social-Media-Algorithmen nun mit diesem Bild anstellen, kommt auf das Geschlecht an. Wird der Körper als männlich identifiziert, gehen Haare auf Beinen und Bauch in Ordnung. Wird der Körper als weiblich identifiziert, eher nicht, und das Bild wird eher von der Plattform gelöscht. 

Und für eine private Nutzerin ist das sicherlich schon doof genug. Denn es kann natürlich ein ermächtigender Akt sein, Bilder von seinem Körper zu posten.

Doch wer Social Media beruflich nutzt, hat zusätzlich noch den Druck, dass die Beiträge, die man postet, ja ausgespielt werden sollten und nicht einfach gelöscht. 

Das heißt: Für den Großteil der selbstständigen Frauen, die Social Media nutzen, gilt:

Wenn sie gesehen werden wollen, haben sie meist nicht die Wahl, Algorithmen zu ignorieren, sondern müssen das, was Algorithmen bevorzugen, auch liefern. 

Und das zieht eben viele weitere Probleme nach sich.

Zum einen: Diese Arbeit ist erschöpfend. Denn es ist super anstrengend, Schönheitsidealen oder gar der Perfektion nachzustreben und zu erwarten, dass man so aussieht wie die Menschen auf Social Media. Niemand sieht in Wirklichkeit so aus. Außerdem ist es erschöpfend, mit diesen Kommentaren umzugehen, wenn man die Norm eben nicht erreicht.  

Und das geht sogar soweit, dass einige ernsthafte gesundheitliche Folgen dadurch haben. Schon 2017 war es so, dass 49 Prozent der Menschen, die sich einer Schönheits-OP unterzogen, angaben, dass sie es wegen Selfies für Instagram und Co. tun.

Außerdem führt, wie ich an meinem eigenen Beispiel deutlich gemacht habe, ästhetische Arbeit häufig zu mehr Emotionsarbeit. Denn natürlich konnte ich mir als Selbstständige Schöneres vorstellen, als ständig über mein Aussehen reden zu müssen, wenn ich mal nicht geschminkt war. Das war nervig und frustrierend und da es sich immer wieder wiederholt hat, kam da schon einiges an Zeit zusammen. 

Wir alle haben nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Und wer diese Zeit mit unbezahlter ästhetischer Arbeit verbringt und vielleicht auch mit mehr Emotionsarbeit, die mit der ästhetischen Arbeit zusammenhängt, hat dann als Konsequenz weniger Zeit und Energie für andere Dinge.

Ja, das war es zum Thema unbezahlte ästhetische Arbeit auf Social Media. Und nächste Woche geht es weiter mit der unbezahlten Arbeit an sich selbst. 

Shownotes:

Emilia Roig: Das Ende der Ehe

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Unbezahlte Arbeit auf Social Media – Teil 3: Emotionsarbeit

Wer Social Media nutzt, kommt oft mit einer ganz besonderen Form der unbezahlten Arbeit in Berührung: der Emotionsarbeit. Denn durch die Bewertungssituationen und den ständigen Druck, positiv zu sein, entstehen Gefühle wie Unzulänglichkeit oder Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug“. Und mit der Emotionsarbeit müssen wir unsere Gefühle dann regulieren, kontrollieren und modifizieren. Was macht das mit uns?

Wer Social Media nutzt, kommt oft mit einer ganz besonderen Form der unbezahlten Arbeit in Berührung: der Emotionsarbeit. Denn durch die Bewertungssituationen und den ständigen Druck, positiv zu sein, entstehen Gefühle wie Unzulänglichkeit oder Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug“.

Und mit der Emotionsarbeit müssen wir unsere Gefühle dann regulieren, kontrollieren und modifizieren

Was macht das mit uns?

Folge anhören:

Transkript lesen:

In den letzten Folgen ging es bereits um das Thema unbezahlte Arbeit auf Social Media. Ich habe dir in der Folge vor zwei Wochen kurz erzählt, warum das Thema gerade für Frauen so wichtig ist. In der letzten Folge ging es um das Thema unbezahlte Contentarbeit. Und in der Folge heute möchte ich über Emotionsarbeit sprechen.

Und mein Vorschlag ist, dass, wenn du dir die letzten beiden Folgen noch nicht angehört hast, dass du vielleicht mal reinhörst. Denn ich werde mich in der Folge heute und auch in den kommenden Folgen immer wieder auf einzelne Gedanken beziehen, die ich in den letzten Episoden geteilt habe.

Also gut: Emotionsarbeit.

Ich muss zugeben, dass ich diesen Begriff zwar schon vor einiger Zeit gehört habe, aber irgendwie immer drübergelesen habe. Und erst vor Kurzem hab irgendwie gedacht: Okay, was ist das jetzt für ein Konzept und was können wir damit erklären?

Und ich bin wirklich sehr froh, dass ich das gemacht habe, weil das Konzept der Emotionsarbeit ein sehr mächtiges Werkzeug ist, um zu verstehen, warum uns soziale Medien zum Beispiel so erschöpfen und auslaugen und stressen

Auch bei der Emotionsarbeit ist es so, du ahnst es vermutlich schon, dass uns niemand diese Art von Arbeit vergütet. Das heißt, neben der Contentarbeit gibt es noch einen zweiten großen Bereich, in den wir unsere Zeit, unsere Energie und manchmal auch unser Geld stecken, für den wir aber kein Geld kriegen.

Auch wenn du das Wort Emotionsarbeit vielleicht noch nicht kennst, bin ich mir sehr sicher, dass du bereits Bekanntschaft mit dieser Art von Arbeit gemacht hast. Vor allem auf Social Media. 

Emotionsarbeit ist, wenn du beispielsweise locker-flockig in die Kamera für eine Instastory sprichst und den Anschein erweckst, als wärst du bester Laune, obwohl gerade etwas in deinem Leben passiert, das alles andere als toll ist.

Also angenommen, dir geht es gerade finanziell nicht gut oder eine Freundin oder ein Familienmitglied ist ernsthaft erkrankt oder – es muss auch nicht gleich so dramatisch sein – du hast gerade einfach eine Absage bekommen für ein Projekt, auf das du dich gefreut hast und mit dem du schon gerechnet hast. Und du fühlst dich einfach etwas down.

Und wenn du in solchen Momenten deine Gefühle wie Frust oder Traurigkeit oder Sorge oder vielleicht sogar Wut nicht zeigst, sondern auf Social Media so tust, als wäre alles wie immer, geht es nicht einfach so mit einem Fingerschnippen, sondern ist im Grunde Arbeit, für die du Energie und Zeit brauchst. 

Und genau das macht den Kern von Emotionsarbeit aus. Wir kontrollieren, regulieren oder modifizieren unsere Gefühle. Sehr häufig tun wir das, um bestimmte soziale Erwartungen zu erfüllen.

Und natürlich ist es so, dass Emotionsarbeit erst einmal nichts Schlechtes ist, im Gegenteil. Emotionsarbeit ist wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft. Egal, in welche Gemeinschaften wir gucken, ob es jetzt Familien sind oder andere Formen von Gruppen, ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die empathisch sind oder in der Lage sind, in Konflikten zu vermitteln zum Beispiel.

Doch das Problem an Emotionsarbeit ist wie so oft, dass diese Arbeit in der Regel von Frauen geleistet wird, weil sie eben meistens in Berufen tätig sind, die diese Art von Arbeit erfordern. Oder sie diejenigen sind, die sich um Kinder kümmern oder Angehörige pflegen. Und meistens wird diese Art von Arbeit nur sehr schlecht vergütet oder eben gar nicht vergütet. 

Das heißt, niemand bezahlt uns dafür, dass wir Fürsorgearbeit leisten und niemand bezahlt uns dafür, dass wir auf Social Media Emotionsarbeit leisten.

Und die hat es ganz schön in sich, finde ich. Weil sie auf so vielen verschiedenen Ebenen stattfindet.

Zum Beispiel: das Thema Vergleichen.

Es ist zwar so, dass Vergleichen etwas Menschliches ist und auch verschiedene Funktionen erfüllt. Doch weil wir auf Social Media auf einmal unzähligen Menschen folgen können und uns ihre Accounts angucken können, können wir das erste Mal in der Menschheitsgeschichte uns mit so vielen Menschen vergleichen wie noch nie zuvor.

Im Grunde jeden Aspekt unseres Lebens: unsere Körper, unsere Häuser oder Wohnungen, unser Einkommen, unsere Haustiere, die Größe unseres Teams, unsere Reiseziele usw.

Diese permanenten Vergleiche führen dazu, dass wir permanent Gefühle spüren wie Unzulänglichkeit und Gedanken haben wie „Ich bin nicht gut genug“. Und das ist alles andere als banal, sondern das braucht enorm viel von uns, mit diesen Gefühlen und Gedanken umzugehen und sie zu regulieren. Und diesen Aufwand, den wir tagtäglich betreiben müssen, kostet uns extrem viel Energie und Zeit und Nerven und Platz im Hirn usw.

Ein anderes Beispiel sind die Bewertungen. Wir befinden uns auf Social Media permanent in Bewertungssituationen. Wenn wir etwas posten, bekommen wir sofort Feedback darauf. Entweder weil Menschen etwas liken oder weil sie etwas nicht liken und wir denken „Warum liket das niemand?“. Manchmal kommentieren Menschen unsere Posts. Und oft sind das nette Worte, manchmal aber auch völlig nichtssagende Worte und manchmal sogar nicht so nette Worte. 

Doch egal, wie die Bewertung ausfällt, wir müssen damit eben klarkommen.

Ich finde diesen Punkt immer ein bisschen seltsam, weil super viele Menschen nicht so großer Fan von Prüfungssituationen sind. Weil es einfach nicht angenehm ist, wenn Menschen, das, was man sagt oder tut, bewerten. Und wir machen alle immer drei Kreuze, wenn das Abi oder die Fahrprüfung oder das Examen rum ist. Wenn wir es geschafft haben.

Doch auf Social Media begeben wir uns täglich freiwillig in diese Situationen, wo immer Urteile über uns gefällt werden. Das heißt, wir geben anderen Menschen die Macht, uns zu sagen, wie gut wir etwas machen, ob wir gut genug aussehen und ob unsere Ansichten die richtigen sind oder nicht.

Und auch hier entstehen durch diese Bewertungssituationen permanent Gefühle und sehr häufig nicht angenehme Gefühle. 

Und nicht selten knüpfen wir das, was andere Menschen über uns auf Social Media sagen, an unseren Selbstwert. Und wenn das Urteil dann negativ ausfällt, denken wir auch negativ über uns.

Also eine sehr komplexe Angelegenheit das Ganze. Doch es gibt noch viele weitere Formen der Emotionsarbeit auf Social Media.

Z.B die Inszenierung.

Wir müssen ständig abwägen, wie wir uns in den sozialen Medien darstellen wollen. Welches Bild wir von uns zeigen wollen. Ob wir Dinge beschönigen, anders darstellen, vielleicht sogar es mit der Wahrheit nicht so ganz ernst nehmen. Und auch das erfordert natürlich permanente Emotionsarbeit.

Klassisches Beispiel von Selbstständigen ist: Gerade läuft es nicht so gut und wir zweifeln an uns. Doch auf Instagram geben wir uns als Expertin und ja, tun so, als hätten wir diese Selbstzweifel gar nicht.

Warum ist das Ganze jetzt nun ein Problem?

Zunächst einmal:

Weil Emotionsarbeit auch Arbeit ist. Selbst wenn sie nicht bezahlt, nicht gewertschätzt und oft auch nicht gesehen wird, erfordert Emotionsarbeit unsere Zeit, unsere Energie und manchmal sogar auch unser Geld.

Das kann dazu führen, dass wir uns müde fühlen, erschöpft und ausgebrannt. Selbst wenn wir nicht viele Termine haben und eigentlich nur im Homeoffice arbeiten, geht es uns dann einfach nicht gut. Und das kann damit zu tun, dass wir auf Social Media eine Menge Emotionsarbeit leisten müssen, die uns erschöpft.

Damit ist auch das Konzept der emotionalen Dissonanz verknüpft.

Emotionale Dissonanz tritt auf, wenn es eine Spannung gibt zwischen den tatsächlichen Emotionen und den Emotionen, die gezeigt oder ausgedrückt werden.

Klassisches Beispiel: Aufgrund einer Trennung oder eines Todesfalls ist jemand zutiefst traurig, zwingt sich aber dazu, auf Instagram „Good Vibes“ zu versprühen und Inspirationszitate zu posten. 

Das erzeugt einen inneren Konflikt, der dann noch mehr Emotionsarbeit benötigt.

Manchmal kann der Erwartungsdruck auf Social Media, ständig gut gelaunt zu sein, sich bis ins Toxische steigern, was wiederum zu verstärkter Emotionsarbeit führen kann. 

Denn die Erwartung, immer glücklich oder positiv zu sein, heißt oft, die tatsächlich erlebten Gefühle zu unterdrücken oder zu verstecken.

Soziale Medien haben Emotionsarbeit natürlich nicht erfunden. Doch sie verstärken die Notwendigkeit, zusätzliche Emotionsarbeit zu leisten und sie nicht zu vergüten.

Und manchmal geht es da auch gar nicht nur um unsere Zeit und unsere Energie, sondern auch um viel Geld. Denn es gibt immer wieder Fälle von digitaler Gewalt auf Social Media, mit denen Betroffene nicht mehr alleine zurechtkommen und dann professionelle Hilfe brauchen, z.B. in Form eines Coachings, um mit dem Hass, der ihnen auf Social Media entgegenschlägt, überhaupt zurechtzukommen.

Ja. Das war ein kleiner Abriss zum Thema Emotionsarbeit auf Social Media. Und nächste Woche möchte ich über eine weitere Form von unbezahlter Arbeit auf Social Media sprechen.

Und das ist die ästhetische Arbeit.

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Unbezahlte Arbeit auf Social Media – Teil 2: Contentarbeit

In dieser Podcastfolge geht es um unbezahlte Contentarbeit auf Social Media und die Frage: Was bedeutet es, dass Millionen oder gar Milliarden Menschen ihre Zeit, ihre Energie und ihr Geld in das Posten, Kommentieren und Moderieren von Social-Media-Content stecken? Ist Content für Social Media erstellen ein freiwilliger, kreativer, altruistischer Akt? Oder können wir es vielleicht sogar als Ausbeutung unserer Arbeitskraft verstehen?

In dieser Podcastfolge geht es um unbezahlte Contentarbeit auf Social Media und die Frage:

Was bedeutet es, dass Millionen oder gar Milliarden Menschen ihre Zeit, ihre Energie und ihr Geld in das Posten, Kommentieren und Moderieren von Social-Media-Content stecken?

Ist Content für Social Media erstellen ein freiwilliger, kreativer, altruistischer Akt? Oder können wir es vielleicht sogar als Ausbeutung unserer Arbeitskraft verstehen?

Folge anhören:

Transkript lesen:

Heute geht es weiter mit Teil zwei der Reihe: unbezahlte Arbeit auf Social Media. Und in der Folge heute möchte ich über das Thema Contentarbeit reden und die Frage: Was bedeutet es, dass Milliarden von Menschen ihre Zeit, ihre Energie und ihr Geld in das Posten, Kommentieren und Moderieren von Social-Media-Content stecken?

Und auffällig an diesem Thema ist erst einmal die bemerkenswert dünne Studienlage. Um nicht zu sagen. Bisher wird wissenschaftlich nicht untersucht, was das Ganze eigentlich in konkreten Zahlen bedeutet.

Aber eine Studie habe ich gefunden, und zwar zu der Plattform Reddit. Und die Studie kam zu dem Schluss, dass Reddit-Moderator*innen durch das Moderieren, Hochladen und Teilen der Inhalte jährlich unbezahlte Arbeit im Wert von 3,4 Millionen US-Dollar leisten, was etwa 3 Prozent der Gesamteinnahmen von Reddit entspricht. 

Auch wenn Reddit jetzt vielleicht keine klassische Social-Media-Plattform ist, ist die Studie spannend. Denn die Fragen, die in der Studie aufgeworfen wurden, sind natürlich dieselben: 

Ist die Erstellung von Inhalten, das Moderieren von Beiträgen oder das Teilen und Weiterverbreiten ein freiwilliger, kreativer, altruistischer Akt oder können wir diese unbezahlte Arbeit im Netz vielleicht sogar als Ausbeutung interpretieren? 

Stevie Chancellor, die die Studie zusammen mit ihren Kollegen initiierte, plädiert dafür, bei dieser Frage zwischen gemeinnützigen und profitorientierten Unternehmen zu unterscheiden

Sie sagt: Wikipedia zum Beispiel sei gemeinnützig. Sie verfolge keine Gewinnabsicht und deshalb sei es auch völlig in Ordnung, wenn Menschen unbezahlt Beiträge für die Wikipedia erstellen. Bei Unternehmen wie Yelp allerdings sei die Lage anders. Yelp ist ein Unternehmen, das mehr als 300 Millionen Dollar Umsatz im Jahr erwirtschaftet und nur deshalb erfolgreich läuft, weil es Menschen gibt, die ohne Vergütung Bewertungen für Restaurants und so weiter schreiben. 

Und bei Social Media sieht die Lage aus meiner Sicht da ganz ähnlich aus: 

Das Geschäftsmodell von Meta und anderen Betreibern funktioniert nur deshalb, weil Millionen oder gar Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt posten, kommentieren und teilen, ohne dass sie dafür bezahlt werden.

Und der Aufwand, der zum Beispiel alleine hinter dem Posten steckt, ist enorm:  

  • Wir überlegen uns, was wir wann auf Social Media posten und welches der vielen Formate dazu am besten passt. 

  • Wir machen Selfies und bearbeiten manchmal stundenlang Bilder

  • Oder wir erstellen Grafiken und Sprüche in Grafikdesigntools wie Canva. 

  • Wir schreiben Captions und planen unsere Posts in einem Planungstool ein, damit sie zu einem optimalen Zeitpunkt veröffentlicht werden. 

  • Und wenn der Post, die Story oder das Reel online sind, bleiben wir auch online, um mit den Menschen, die mit unseren Beiträgen interagieren, ebenfalls zu interagieren

  • Wir beantworten Kommentare und DMs und machen Screenshots von den Reaktionen auf unsere Posts und verwerten das weiter in einer Story. 

  • Und wenn unsere Posts veraltet sind und nicht mehr ausgespielt werden bzw. im Falle von Storys gelöscht werden, geht das Spiel wieder von vorne los. 

Also extrem viel Arbeit, die alle, die auf Social Media aktiv sind, in die Plattform reinstecken, ohne dass sie dafür auch nur einen Cent von den Plattformbetreibern sehen.

Außerdem ist diese Art von Arbeit ja nicht immer nur Ponyhof, sondern je nach Thema und Nische auch physisch und psychisch anstrengend, weil nicht zuletzt Frauen Belästigungen, Mobbing oder andere Formen von digitaler Gewalt auf Social Media erfahren, sie gleichzeitig aber nur wenig Support von den Plattformbetreibern in dieser Hinsicht bekommen. Meta z.B., das hat Frances Haugen in den Facebook Files öffentlich gemacht, schafft es in mehr als 90 Prozent der Fälle nicht, problematische Inhalte zu prüfen und sie ggf. zu löschen.

Auf dem Höhepunkt meiner Social-Media-Nutzung habe ich zwei Stunden täglich für diese Art von Arbeit gebraucht. Im Durchschnitt. Oft auch mehr.

Das ist zwar weniger als bei so manchem Heavy User, der mehr als vier Stunden täglich auf Social Media verbringt.

Doch es waren immerhin 14 Stunden in der Woche, 60 Stunden im Monat, 720 Stunden im Jahr. 

Diese umgerechnet 30 Tage jährlich, die ich brauchte, um Menschen auf Social Media zu bespaßen, wurden – so wie bei Yelp oder Reddit – natürlich nicht vergütet, denn auch das Konzept „Social Media“ sieht keine Bezahlung für Menschen vor, die Contentarbeit leisten. 

Ganz zu schweigen davon, dass einem ja auch niemand die Kosten für Bildbearbeitungstools, Grafikdesigntools, Videoschnitttools und Planungstools, Hardware oder Ringlichter ersetzt.

Das zahlen die Menschen, die auf Social Media aktiv sind, ja alles brav selbst.

Warum ist das nun ein Problem? Könnte man nicht auch sagen: 

Na ja, die Menschen sind doch freiwillig auf Social Media, um sich mit Menschen zu verbinden, Promis zu folgen oder Marketing für ihr Business zu betreiben. 

Doch so einfach ist es aus meiner Sicht nicht. Denn zunächst gilt das, was Stevie Chancellor im Falle von Reddit feststellte:

Meta ist ein börsennotiertes, profitorientiertes Unternehmen, das im Jahr 2022 rund 116 Milliarden US-Dollar Umsatz erwirtschaftete. Damit ihr Geschäftsmodell, das ja darauf beruht, Daten der User zu sammeln und sie an Werbetreibende zu verkaufen, überhaupt funktionieren kann, müssen Menschen Tag für Tag posten, liken, teilen, kommentieren usw. 

Man stelle sich nur vor, was passieren würde, wenn eine Woche lang niemand eine Meta-Plattform nutzen würde. Niemand würde posten, niemand würde gucken, was andere gepostet haben – wem sollte Meta dann Werbeanzeigen ausspielen?

Wenn niemand da ist, sieht auch niemand Werbung – und Meta macht kein Geld. 

Das heißt: Meta braucht uns. Meta ist für das Funktionieren des Unternehmens darauf angewiesen, dass wir Selfies und Katzenvideos posten, vergütet uns aber nicht. 

Und wir können ja einfach mal nachrechnen: Wenn wir mit fünfzig Euro einen Stundenlohn von Selbstständigen annehmen und davon ausgehen, dass sie rund zwei Stunden täglich Contentarbeit leisten, kommen wir auf 36 Tausend Euro im Jahr, um die Menschen, die auf Social Media posten, gebracht werden. 

Und das bei der recht konservativen Schätzung von fünfzig Euro Stundenlohn und zwei Stunden täglicher Nutzungsdauer – bei vielen Menschen sind beide Zahlen deutlich höher. 

Selbst wenn wir es also lieben, auf Social Media zu sein, ist das verdammt viel Geld, das wir nicht bekommen, weil uns eingeredet wird, dass wir das alles nur zu unserem Vergnügen machen.

Und apropos Vergnügen: Das ist natürlich die Basis dafür, dass wir diese Arbeit unbezahlt erledigen. 

Hätte mich jemand, kurz nachdem ich mich selbstständig gemacht habe, gefragt, ob ich freiwillig auf Social Media bin und „Marketing für mein Business“ betreibe, hätte ich geantwortet: 

„Auf jeden Fall!“ 

Denn ich hatte natürlich auch diese schillernden Social-Media-Versprechen verinnerlicht: 

Schon der nächste Post könnte viral gehen und damit tausende oder gar Millionen Menschen erreichen. Marken könnten auf mich aufmerksam werden und mir einen Deal anbieten. Ich könnte so viel verdienen, dass ich für immer ausgesorgt hätte. 

Ja, Social Media lebt von diesen Konjunktiven und Erfolgsgeschichten und dem klassischen American Dream. Also „From Rags to Riches“ oder von „Unbekannt“ zu „erfolgreicher Influencerin“

Meta ist darauf angewiesen, dass wir alle denken, dass wir uns auf Social Media durch unbezahlte Contentarbeit selbstverwirklichen können. Denn sonst könnten sie ihr Geschäftsmodell so in der Form nicht aufrechterhalten.

Doch wenn wir die schillernden Social-Media-Erfolgsversprechen von dem Glitzer befreien, ist eher Ernüchterung angesagt. 

Das fängt schon damit an, dass es kaum Studien dazu gibt, wie viel Influencer*innen zum Beispiel tatsächlich brutto und netto verdienen durch Social Media. 

Es gibt viele Statistiken und Rechenbeispiele, die die möglichen Preise pro Post zeigen und sich damit einreihen in dieses Narrativ von Social Media als „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. 

Und ja, diese Zahlen, die wir da zu sehen kriegen, sind oft sehr hoch. Und dann denken wir: 

„Wow, 5.000 Euro pro Post! Dann bräuchte ich ja gerade mal einmal im Monat zu posten und hätte mehr Kohle als jetzt durch meinen nervigen Teilzeitjob. OMG!!!“ 

Doch es bedeutet einfach unfassbar viel Arbeit, aber auch viel Glück fürs richtige Timing und ein Händchen für Grafiken, Worte und Trends, um überhaupt diese Followerzahl zu erreichen, bei der diese Preise gezahlt werden. Außerdem wird oft auch vergessen, dass gesponserte Posts nur ein Bruchteil von den geposteten Posts ausmachen, sodass es natürlich nicht reicht, einmal im Monat einen Post für 5000 Euro zu posten und dann hat man quasi ausgesorgt. Es ist viel komplizierter und anstrengender als das.

Auch bei den Menschen, die zu mir kommen, um sich zu Social-Media-freiem Marketing beraten zu lassen, höre ich immer wieder dieselbe Geschichte: 

„Ich bin schon seit zwei Jahren auf Instagram und reiß mir dort ein Bein aus, doch ich dümpel immer noch bei 200 Followern rum und … Kund*innen bekomme ich dadurch schon gar nicht.“ 

Auch hier gibt es überhaupt keine zuverlässigen Studien darüber, mit welchen Ergebnissen auf Social Media überhaupt rechnen können. Es gibt nur die großen Träume von Social-Media-Erfolgen, aber keine Belege, keine Studien, keine Fakten.

Das heißt:

Die Geschichte, dass wir Social Media brauchen, wenn wir selbstständig sind, hält sich hartnäckig und hilft den Plattformen letzten Endes dabei, unbezahlte Contentarbeit zu legitimieren.

Ja, und ich denke, wir sollten uns dessen in erster Linie bewusst werden, dass es eben nicht einfach nur Posten ist, was wir da tun, sondern dass wir das Ganze als Arbeit verstehen können.

Und dann können wir uns im zweiten Schritt entscheiden, ob wir für Mark Zuckerberg und Co. tatsächlich ohne Bezahlung arbeiten wollen oder ob wir das nicht auch als Ausbeutung verstehen wollen und unsere Zeit und Energie stattdessen lieber in unsere eigenen Projekte und Plattformen stecken. 

Shownotes:

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Unbezahlte Arbeit auf Social Media – Teil 1: Warum das gerade für Frauen ein Problem ist

Wir starten das neue Jahr mit einer neuen Reihe: unbezahlte Arbeit auf Social Media. Denn soziale Medien fordern eine Menge Arbeit von uns, die die Plattformbetreiber nicht vergüten. Welche Formen der unbezahlten Arbeit auf Social Media gibt es? Und warum könnte das besonders für Frauen ein Problem sein? Darum wird es in dieser Podcastfolge gehen.

Wir starten das neue Jahr mit einer neuen Reihe: unbezahlte Arbeit auf Social Media. Denn soziale Medien fordern eine Menge Arbeit von uns, die die Plattformbetreiber nicht vergüten.

Welche Formen der unbezahlten Arbeit auf Social Media gibt es? Und warum könnte das besonders für Frauen ein Problem sein? Darum wird es in dieser Podcastfolge gehen.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr und ich hab in den nächsten Wochen Großes mit dir hier vor. 

Denn ich möchte in diesem Podcast eine mehrteilige Reihe starten zu einem Thema, zu dem du vermutlich noch gar nicht sooo viel gehört oder gelesen hast. Und vielleicht auch noch nicht so viel darüber nachgedacht hast. Und das ist das Thema: 

Unbezahlte Arbeit auf Social Media.

Den Begriff unbezahlte Arbeit muss ich dir vermutlich nicht weiter erklären. Es versteht sich von selbst. Unbezahlte Arbeit ist Arbeit, für die wir nicht bezahlt werden

Und meine Beobachtung ist, dass soziale Medien enorm viel Arbeit von uns fordern, die nicht vergütet wird. Und das ist ein Problem.

Viele finden es irgendwie normal und nicht schlimm und scheinen sich nicht groß daran zu stören. Aber ich finde, dass wir durchaus mal ansprechen und diskutieren sollten, dass wir im Grunde extrem viel Arbeit auf Social Media leisten, aber keinen Cent dafür sehen.

Und diese Arbeit findet in mehreren verschiedenen Bereichen statt, sodass ich mich entschieden habe, für jeden einzelnen Bereich eine separate Podcastfolge zu machen. Und das in den nächsten Wochen nach und nach aufzudröseln.

Im Grunde geht es mir zunächst einmal darum, sichtbar zu machen, was Menschen, die Social Media nutzen, da eigentlich Tag für Tag leisten, und warum es ein Problem ist, dass sie keinen Cent dafür sehen. 

Und letzten Endes möchte ich so auch verständlich machen, warum es so viele Menschen erschöpft, auf Social Media zu sein. Und ja, um das ein bisschen greifbarer zu machen, möchte ich dir in dieser Folge erst einmal ein anderes Beispiel für unbezahlte Arbeit geben. 

Und das ist die sogenannte Care-Arbeit oder Fürsorgearbeit.

Vielleicht weißt du, dass in Studien immer wieder festgestellt wird, dass Menschen meistens nicht nur einer bezahlten, sondern auch einer unbezahlten Arbeit nachgehen (und Frauen sehr viel mehr als Männer). 

Es geht dabei um Arbeiten wie Kinderbetreuung und -erziehung, um Pflege von Angehörigen, aber auch um Kochen, Putzen und Muffins für den Kindergarten backen. 

Und im Jahr 2021 war es so, dass Frauen für diese unbezahlten Fürsorgearbeiten im Durchschnitt 52,4 Prozent mehr Zeit aufgewendet hatten als Männer. Und selbst wenn beide Vollzeit arbeiten, leisten Frauen mehr von dieser Fürsorgearbeit, die eben nicht vergütet wird.

Dazu kommt noch der sogenannte Mental Load, also dass wir neben der eigentlichen unbezahlten Arbeit auch noch ständig an Dinge denken müssen wie z.B.: morgen den Kindern Sportsachen mitzugeben, und ihnen am Samstag mal wieder die Fingernägel zu schneiden, Geschenke für einen Geburtstag zu besorgen usw.

Und während diese unbezahlte Sorgearbeit von Frauen – und dass wir dringend etwas dagegen tun müssen – so langsam Einzug ins kollektive Bewusstsein findet und auch immer öfter in Diskurse, wird die Tatsache, dass Social-Media-Nutzung und Social-Media-Marketing ebenfalls zu einer Menge unbezahlter Arbeit führen, für meinen Geschmack noch kaum diskutiert. 

Doch es ist aus meiner Sicht so wichtig, dass wir mal darüber sprechen – und vor allem, warum das gerade für Frauen ein wichtiges Thema sein könnte.

Und da können wir noch mal zu diesem Gender Care Gap zurückkommen: Frauen leisten eh schon Tag für Tag 50 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Und immer wieder stellen Studien fest, dass Frauen auch besonders häufig unter Erschöpfung, Stress oder Burn-out leiden. 

Das heißt: Viele Frauen sind aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen eh schon am Rande ihrer Belastung und jetzt kommen in dieser Situation noch die sozialen Medien und bürgen uns zusätzlich noch unbezahlte Arbeit auf. 

Das heißt: Natürlich ist unbezahlte Arbeit auf Social Media grundsätzlich für alle Menschen ein relevantes Thema. Doch aus meiner Sicht wäre es vor allem für diejenigen wichtig, sich mal mit dem Thema auseinanderzusetzen, die sowieso schon mit Erschöpfung, Stress oder sogar Burn-out in ihrem Alltag zu tun haben.

Ich möchte dir auch schon einmal die Bereiche verraten, die ich in den nächsten Wochen ansprechen will.

Das erste ist die Contentarbeit, die alle Menschen, die Social Media aktiv nutzen, unbezahlt machen. Und vor allem Selbstständige und Unternehmen werden ja nicht nur fürs Posten nicht vergütet, sondern stecken da ja auch noch zusätzlich jede Menge eigenes Geld rein.

Und wenn du jetzt denkst „Na ja, was soll denn schon daran problematisch sein? Ich poste doch freiwillg!“, höre gerne in die nächste Podcastfolge rein. Denn da werde ich das Thema detailliert beleuchten.

Der zweite Bereich von unsichtbarer, unbezahlter Arbeit ist die sogenannte Emotionsarbeit, die soziale Medien von uns fordern. 

Also dass wir mit Gefühlen und Gedanken wie Vergleicheritis oder dem Druck, ständig positiv rüberkommen zu müssen, umgehen müssen. Emotionsarbeit kann zu einer Quelle von Dauerstress und chronischer Erschöpfung werden, denn es ist alles andere als leicht, ständig diese Gefühle zu fühlen und mit ihnen umzugehen. Deshalb wird es nach der Contentarbeit auch eine separate Episode zur Emotionsarbeit geben.

Der dritte Bereich, über den ich sprechen möchte, ist ästhetische Arbeit. Denn das Posten auf Social Media ist ja nicht nur das mechanische Schreiben oder Fotografien und auf „Posten“ klicken, sondern bedeutet für viele Menschen, sich extra für eine Instastory zu schminken und anzuziehen. Und auch diese ästhetische Arbeit ist eine Arbeit, die unsichtbar und unbezahlt ist. Und deshalb dringend angesprochen gehört.

Kommen wir zum vierten Bereich von unbezahlter Arbeit auf Social Media und das ist die Arbeit an sich selbst oder die sogenannte Selbstoptimierung. Auch diese geht oft mit der Social-Media-Nutzung einher, wird aber nicht vergütet. Und daher will ich natürlich auch hier gerne eine separate Folge zu dieser Form der unbezahlten Arbeit machen.

Und die fünfte und letzte Folge aus dieser Reihe wird sich um den Social-Media-Mental-Load drehen. Denn den Mental Load gibt es nicht nur bei der Care-Arbeit, sondern natürlich auch bei der Social-Media-Nutzung. Also ein ständiges Denken an Aufgaben oder an möglichen Content und die Frage im Alltag „Oh, soll ich das jetzt posten, oder nicht?“

Das war ein kurzer Überblick über das Thema unbezahlte Arbeit auf Social Media. Und nächste Woche geht es los mit der unbezahlten Contentarbeit. 

Ich würde mich sehr freuen, wenn du dabei bist.

Shownotes:

Studie zum Gender Care Gap

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Marketing ohne Social Media Alexandra Polunin Marketing ohne Social Media Alexandra Polunin

Social-Media-Ausstieg als Vorsatz fürs neue Jahr? So klappt's!

Hast du dir für 2024 vorgenommen, Social Media zu verlassen und deine Kanäle zu löschen? In dieser Podcastfolge geht es darum, was du tun kannst, damit dieser Vorsatz auch gelingt.

Hast du dir für 2024 vorgenommen, Social Media zu verlassen und deine Kanäle zu löschen? In dieser Podcastfolge geht es darum, was du tun kannst, damit dieser Vorsatz auch gelingt.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Was hast du dir für 2024 vorgenommen? Wenn das zufällig „Social Media verlassen“ ist, dann ist diese Podcastfolge für dich. 

Denn ich möchte heute darüber sprechen, wie du gute Bedingungen dafür schaffst, dass dein Vorhaben auch tatsächlich gelingt.

Punkt Nr. 1: Der richtige Zeitpunkt

Und den gibt es für mich eindeutig … nicht. Ja, also weil jetzt Neujahr ist und viele Menschen mit Vorsätzen arbeiten, heißt es nicht, dass es für dich ein guter Zeitpunkt sein muss. 

Und ich finde es wichtig, sich da nicht zu einem Zeitplan zu zwingen, sondern genau zu gucken, dass es der richtige Zeitpunkt für einen selbst ist.

Und das kann der Jahreswechsel sein, wenn du diese Aufbruchstimmung und „neues Jahr, neues Glück“-Gefühl brauchst.

Es kann aber auch genauso gut der März sein oder der August oder Februar. Das ist wirklich total nebensächlich.

Viel wichtiger als den richtigen Zeitpunkt finde ich persönlich den richtigen Grund, von Social Media wegzugehen.

Nicht in dem Sinne, dass ich dir jetzt sagen will, was ein richtiger und was ein falscher Grund sein könnte, Social Media zu verlassen.

Sondern vielmehr, dass uns ein guter persönlicher Grund oder eine starke persönliche Geschichte enorm dabei helfen kann, einen Social-Media-Ausstieg auch wirklich durchzuziehen. 

Es kann zum Beispiel sein, dass du sagst: Mir geht es gesundheitlich ohne Social Media deutlich besser und immer wenn ich Social Media nutze, geht es mir schlechter. Und das kann eine starke Motivation sein, auch bei Selbstzweifeln am Ball zu bleiben.

Ja, also: Was ist dein persönlicher Grund, warum du nicht mehr auf Social Media sein willst? Je mehr Punkte du da findest oder je mächtiger die einzelnen Gründe für dich sind, desto besser werden sie dir vermutlich dabei helfen, den Social-Media-Ausstieg auch wirklich durchzuziehen.

Neben einem oder mehreren guten Gründen für einen Ausstieg helfen auch Alternativen zu Social Media.

Denn keine sozialen Medien fürs Marketing zu nutzen, heißt ja nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen und Däumchen drehen und einfach nur darauf hoffen, dass die richtigen Menschen schon zu uns finden.

Marketing ohne Social Media ist immer noch Marketing. Das heißt, wir brauchen alternative Strategien, wie wir online sichtbar werden können und mit Menschen kommunizieren können und über unsere Angebote sprechen usw.

Und wenn du das bisher nicht hast und dein Marketing nur auf sozialen Medien basiert, ist es natürlich um einiges schwerer, da zu sagen: Ich vertraue darauf, dass es irgendwie ohne Social Media geht.

Andersrum ist es leichter, wenn man bereits eine Website hat und vielleicht auch schon einen Blog oder Podcast oder Newsletter oder über ein starkes Netzwerk verfügt. 

Ja, deshalb ist es viel leichter, den Plan, Social Media zu verlassen, umzusetzen, wenn man weiß: Da gibt es andere Strategien, die für mich funktionieren. Und selbst wenn ich kein Insta mehr habe, weiß ich, dass mich Menschen online finden.

Hier, glaube ich, ist ein guter Zeitpunkt, um mal einen kleinen Exkurs zu machen. Und zwar sind Menschen total verschieden und so ist es auch total verschieden, ob eher die Intuition und das Bauchgefühl Menschen leiten oder die Vernunft und Fakten und gute Argumente.

Und falls du zu den Menschen gehörst, die gute Argumente für ihre Entscheidung brauchen, kannst du sie natürlich im Vorfeld sammeln.

Was ich zum Beispiel gemacht habe, ist, dass ich mir in einem Analysetool angeguckt habe, wie viele Menschen tatsächlich von sozialen Medien auf meine Website kommen. Und da habe ich festgestellt, dass es je nach Monat nur ein, zwei Prozent sind. Und dass die meisten Menschen durch völlig andere Quellen auf meine Website kommen.

Und auch als ich Menschen gefragt habe, wie sie auf mich und meine Programme aufmerksam geworden sind, war das zwar schon ab und an mal Instagram, aber im Vergleich zu anderen Orten, war Instagram einfach weit abgeschlagen. 

Wenn jemand 1:1 mit mir zusammenarbeiten wollte, war das meistens wegen einer Empfehlung und meine Gruppenprogramme wurden meist durch den Newsletter gebucht.

Und so hatte ich neben diesem starken Wunsch und ja Bauchgefühl, dass ich nicht mehr auf Social Media sein will, auch noch gute Argumente für mich, weil ich wusste: Social Media spielt zwar eine Rolle in meinem Marketing, aber im Vergleich zu anderen Strategien eine eher untergeordnete Rolle. 

Das heißt: Du kannst es, wenn du willst, auch machen, dass du mal entweder in dein Website-Analysetool guckst, woher die Menschen eigentlich kommen, oder dass du deine Kund*innen mal fragst, wie sie eigentlich auf dich und dein Angebot aufmerksam geworden sind. Und dann weißt du einfach Bescheid.

Ich mach das übrigens inzwischen automatisiert, dass ich nach einer Buchung oder einer Newsletteranmeldung auf der Bestätigungsseite auf eine kleine Umfrage verweise und darin eben nachfrage, warum das Produkt gebucht wurde und wie sie auf das Produkt aufmerksam geworden sind. 

Okay, wir haben über den guten Grund für den Ausstieg gesprochen, über Alternativen, von denen wir wissen, dass sie funktionieren, über rationale Gründe wie konkrete Zahlen zum Beispiel – das alles kann schon dabei helfen, dass der Vorsatz, aus Social Media auszusteigen, auch in die Tat umgesetzt werden kann. 

Es gibt aber noch weitere Dinge, die das Ganze erleichtern können.

Zum einen kann es extrem helfen, sich Menschen zu suchen, die genau denselben Vorsatz haben und ähnliche Schritte gehen.

Ich hatte das damals nicht. Ich kannte zwar viele Kolleginnen und Kundinnen, die unglücklich mit sozialen Medien waren, aber ich kannte niemanden, der oder die tatsächlich diesen Schritt mit mir gehen wollte.

Und ich habe mir damals schon gewünscht, mich mit jemandem darüber austauschen zu können und über die Erfahrungen zu sprechen und wie man eben mit den Herausforderungen umgeht, die es ja auch durchaus gibt natürlich.

Also es ist ja nicht so, dass man jetzt seine Kanäle löscht und dann ist alles nur noch Regenbogen und Zuckerwatte, sondern natürlich gibt es dann eben andere Dinge, die einen beschäftigen. Völlig klar.

Und da hilft es auf jeden Fall, sich mit Menschen zu umgeben, die Ähnliches planen wie du. Ich hatte damals eine Frau aus den USA, deren Newsletter ich abonniert hatte, und selbst diese kurzen Texte hatten mich schon extrem darin bestärkt, meinen Weg weiterzugehen.

Das heißt: Halte die Augen offen, frag Kolleginnen, Kundinnen etc. wie sie zu dem Thema stehen. Vielleicht findest du ja jemanden, der oder die dasselbe vorhat.

Es ist ein bisschen wie mit Sport. Wir können es alleine machen. Aber vielen hilft es, sich mit jemandem zu verabreden und es dann auch tatsächlich durchzuziehen, weil man sich ja nun mal verabredet hat und da jemand auf uns wartet.

Und abschließend möchte ich noch sagen: Sei nicht so streng zu dir. 

Egal, was dein Tempo jetzt sein mag, und egal, ob du vielleicht für eine Zeit auch Zwischenlösungen hast oder Kompromisse, wo du denkst „Okay, das ist noch nicht ganz das, was ich will, aber eben das, was zur Zeit für mich möglich ist“, ist das vollkommen okay. 

Vielleicht löschst du erst einmal „nur“ einen Kanal und behältst den Rest erst mal. Und vielleicht ist auch das schon eine Lösung, die gut für dich ist. Es ist, um es nochmal zu sagen, vollkommen okay. 

Bei mir hat es vom allerersten Gedanken, dass ich nicht mehr auf Social Media sein will, bis zum Löschen des allerletzten Kanals mehrere Jahre gedauert und ja, so ist es halt manchmal.

Deshalb lass dich da nicht stressen und geh einfach dein Tempo. Und wenn das nicht bereits jetzt im Januar klappt, dann vielleicht im März oder August oder nächsten Februar.

Alles ist in Ordnung.

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„Ich bin dann mal weg“ – So klappt das süße Nichtstun während der Feiertage

Wie gelingt es uns, während der Feiertage tatsächlich mal nichts zu tun und zu entspannen? Soziale Medien, E-Mails und Co. machen es uns ja nicht gerade leicht. In dieser Folge verrate ich dir, mit welchen Ritualen und Strategien es leichter wird, während der Feiertage bewusst abzuschalten.

Wie gelingt es uns, während der Feiertage tatsächlich mal nichts zu tun und zu entspannen? Soziale Medien, E-Mails und Co. machen es uns ja nicht gerade leicht. In dieser Folge verrate ich dir, mit welchen Ritualen und Strategien es leichter wird, während der Feiertage bewusst abzuschalten.

Folge anhören:

Transkript lesen:

In dieser Podcastfolge geht es um die anstehenden Feiertage und wie es uns gelingt, tatsächlich mal nichts zu tun.

Soziale Medien machen es uns ja eher schwer mit dem Nichtstun. Denn die meisten von uns haben da so einen Automatismus, der sie fast schon von alleine zum Smartphone greifen lässt und oft ist dann Instagram oder eine andere Social-Media-App die erste Anlaufstelle.

Ja, also an alle Workaholics und Dauerhustler, die gerne ein bisschen mehr Life und ein bisschen weniger Work über die Feiertage hätten – diese Podcastfolge ist für euch.

Ich hab ein paar Tipps mitgebracht, wie es etwas leichter und realistischer wird, eine erholsame Pause ohne Social Media während der Feiertage einzulegen.

Und der allererste Schritt dafür ist für mich: die Auszeit verbindlich festzulegen. 

Früher habe ich gerne mal gedacht:

Ja, mal gucken, wie lange ich so frei mach. Also über Weihnachten und Neujahr auf jeden Fall und dann, tja, mal sehen.

Und dann ist es so natürlich so gewesen, dass ich bereits nach wenigen Tagen mir den Laptop oder das Smartphone geschnappt hab und doch wieder irgendetwas gearbeitet oder zumindest nachgeguckt habe.

Und wenn wir jetzt Angestellte wären und nicht selbstständig, wäre es ja ein bisschen anders. Da hätten wir ganz offiziell Urlaub und dann wüssten wir ganz genau:

Von Tag X bis Tag Y bin ich nicht im Büro.

Und genau das können wir ja auch als Selbstständige tun und uns genau jetzt überlegen: Von wann bis wann wir genau Urlaub machen wollen. So als müssten wir einen Urlaubsantrag bei unserer Chefin einreichen. Nur dass wir selbst der Boss oder die Chefin sind und uns selbstverständlich den Urlaub genehmigen.

Am besten ist es auch, finde ich, das super rechtzeitig zu tun. Damit wir einfach noch genug Flexibilität haben, um alles andere zu klären.

Denn wenn wir erst Mitte Dezember festlegen, dass wir Anfang Januar länger frei machen wollen, da aber schon Gespräche mit Kund*innen eingeplant sind, sind wir bei weitem nicht so flexibel, als wenn wir das bereits ein paar Monate vorher tun und in dieser Zeit noch nicht sooo viele Termine liegen.

Ja, und der zweite Schritt ist dann, dass wir diese Auszeit in den Kalender eintragen und es damit noch ein bisschen offizieller machen.

Ich selbst habe auch einen Onlinebuchungskalender. Das heißt: einen Kalender, in dem sich meinen Kund*innen aus den Beratungen ihre Termine eigenständig buchen können. Und hier blocke ich die Zeit, in der ich nicht verfügbar sein will, damit an diesen Tagen eben auch nicht plötzlich Beratungstermine gebucht werden.

Und Schritt drei ist dann, diese Auszeit rechtzeitig zu kommunizieren. Und das beginnt bei mir persönlich mit der Familie. Das heißt, ich spreche im Vorfeld mit meinem Partner:

Wie lange wollen wir über die Feiertage nicht arbeiten? Wann wollen wir wieder beginnen? 

Und so entstehen dann während der Feiertage keine falschen Erwartungen und alle wissen, woran sie sind. Und das ist für mich die Basis für wirklich entspannte Feiertage.

Natürlich können wir die Auszeit dann auch an unsere Kund*innen kommunizieren. Auch das kann man auch schon rechtzeitig machen, indem man beispielsweise im Footer der E-Mail den nächsten Urlaub notiert.

Und jedesmal, wenn unseren Kund*innen per Mail kommunizieren, sehen sie schon rechtzeitig, dass ein Urlaub bei uns ansteht.

Ich schicke auch noch gerne einen Abschluss-Newsletter herum, in dem ich nochmal über das vergangene Jahr erzähle und sage, wann ich wieder erreichbar bin.

Und für alle, die während der Feiertage neu von mir hören und mich kontaktieren, gibt es einen Autoresponder in den E-Mails, der sagt, dass ich im Urlaub bin und wann mit einer Antwort zu rechnen ist.

Ja, soweit zu der Kommunikation des Urlaubs. Das ist echt schon die halbe Miete. Mindestens genauso wichtig ist aber auch noch der letzte Tag vor dem Urlaub und damit wären wir bei Schritt 4.

Und am letzten Tag finde ich es essentiell, keine Termine oder weitere Verpflichtungen zu haben. Weil ich festgestellt habe, dass ich tatsächlich einen ganzen Tag brauche, um alles soweit abzuschließen, dass ich den Eindruck habe, mich entspannen zu können. 

Und wenn ich da noch Beratungsgespräche oder sowas habe, klappt das in der Regel nicht. Es ist viel einfacher, wenn der letzte Tag vor dem Urlaub terminfrei ist und es wirklich nur noch darum geht, Dinge abzuschließen.

Und das beginnt für mich mit einer Zero Inbox. Das heißt: Ich gehe in meinen Posteingang oder in meine Posteingänge, wenn es mehrere gibt, und bearbeite jede einzelne E-Mail, sodass ich weiß: Alles, was ich erledigen konnte, ist erledigt. 

Und wenn ich dann einen leeren Posteingang hab, aktiviere ich den besagten Autoresponder, der mitteilt, dass ich gerade im Urlaub bin und wann ich wieder zurückschreibe. 

Nachdem die E-Mails geklärt sind, gucke ich, ob wichtige Deadlines in meine Auszeit fallen, also irgendwelche Steuergeschichten zum Beispiel. Und wenn ich merke, dass da etwas Wichtiges während meiner Auszeit dran wäre, erledige ich das und schick das der Steuerberaterin, sodass ich eben nicht mitten in meiner Auszeit auf einmal merke: Ups, ich muss doch nochmal wegen der Buchhaltung an den Rechner.

Als nächstes räume ich meinen Arbeitsplatz auf, hefte alles ab, was in der Ablage liegt, miste noch mal die Schubladen oder Regale aus, leere den Papierkorb, mach noch mal klar Schiff, sodass ich eben nicht während der Auszeit denke: Ah, jetzt guck dir die Ablage an. Da stapelt sich wirklich alles. Sondern weiß: Alles ist erledigt. Es gibt nichts mehr zu tun.

Und wenn dann alles soweit klar ist, mache ich ein Shutdown-Ritual

Wenn du davon noch nie gehört hast: Das ist wirklich großartig. Ich hab das Cal Newport. Du kennst den Autor vielleicht. Und das ist ein Ritual, mit dem er jeden einzelnen Arbeitstag beendet und den Feierabend einläutet. 

  • Zuerst guckt er sich seine To-do-Liste an, stellt sicher, dass die wichtigen Aufgaben für heute erledigt sind und dann plant er die dringendsten Aufgaben für die nahe Zukunft ein.

  • Dann wirft er einen Blick in seinen Kalender, um zu checken, dass er die wichtigsten Termine und Fristen auf dem Schirm hat.

  • Und dann klappt er schließlich seinen Laptop zu mit den Worten „Schedule Shutdown, Complete“ (oder kurz: „Shutdown Complete“).

Und wenn er dann in seinem Feierabend daran denkt, dass er ja „noch mal schnell“ für die Arbeit dieses tun oder jenes nachgucken könnte, sagt er sich:

  • Ich habe bereits einen Shutdown gemacht.

  • Ich hätte keinen Shutdown gemacht, wenn ich nicht meine Aufgaben und Termine gecheckt hätte und entschieden hätte, dass alles in Ordnung ist.

  • Deshalb brauche ich mir jetzt keine Sorgen zu machen.

Und dann genießt er weiter seinen Feierabend.

Und ja, genau dieses Shutdown-Ritual eignet sich auch super, um eine entspannte Auszeit einzuläuten.

Das heißt: Guck noch mal in deinen Kalender, checke alle Termine, Aufgaben und Deadlines. Guck von mir aus auch noch mal deine Posteingänge. Und wenn da soweit alles in Ordnung ist, sagst du dir: Shutdown complete.

Und sollte dir in deiner Auszeit der Gedanke kommen, dass du ja dieses oder jenes tun könntest, dann kannst du dir so wie Cal Newport sagen: 

  • Ich habe einen Shutdown gemacht.

  • Ich hätte keinen Shutdown gemacht, wenn ich nicht alle Termine und Aufgaben gecheckt hätte. 

  • Also kann ich jetzt weiter meinen Urlaub genießen. Denn im Kalender steht, dass ich gerade Urlaub habe. 

Und wenn du so wie ich einen Laptop hast, kannst du ihn zusätzlich auch noch irgendwo in eine Schublade stecken, sodass er aus den Augen und damit hoffentlich auch aus dem Sinn ist. 

Und solltest du irgendwo über die Feiertage hinfahren, lässt du den Laptop am besten weiterhin in dieser Urlaubsschublade. So kommst du gar nicht erst in die Versuchung, doch irgendetwas zu arbeiten.

Ja, wir haben es fast geschafft. Einer entspannten Auszeit steht fast nichts mehr im Wege. Wenn da nicht noch das Smartphone wäre. 

Und, das ist auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt. Denn ich glaube, dass sich heutzutage die Ansicht, was Arbeit ist und was nicht, seltsam verschoben hat und wir denken: Nur weil das jetzt am Smartphone passiert und wir auf irgendwelche Nachrichten antworten, ist das keine echte Arbeit. Aber das stimmt nicht. 

Auch das, was wir auf dem Smartphone tun, ist Arbeit und selbst wenn wir dafür nicht so viele Gehirnzellen brauchen, wie etwas zu liken oder Kommentare zu beantworten, ist das trotzdem Arbeit.

Und deshalb bin ich persönlich großer Fan davon, entweder ein Arbeitssmartphone zu haben, das wir dann einfach nur ausschalten und während der Feiertage in eine Schublade stecken können – mit dem Laptop zusammen. Oder eben ein paar Minuten aufwenden, um unser Smartphone auszeit-tauglich zu machen.

Das beginnt bereits mit den E-Mails. Ich hab sie 2017, glaub ich, von meinem Smartphone verbannt und ich liebe es. Ich will überhaupt nicht mehr dahin zurück, ständig E-Mails auf meinem Handy zu checken, empfangen und diese Verpflichtung zu spüren, sie auch zeitnah beantworten zu müssen, wenn ich sie sehe. 

Gerade während der Feiertage trägt es unfassbar zur Entspannung bei, keine E-Mails zu lesen. Und wenn du willst, kannst du es dir so einrichten, dass du zumindest deine beruflichen Mails nicht siehst während der Feiertage. Vielleicht kannst du deine E-Mail-App deinstallieren oder sie zumindest so einstellen, dass sie keine Mails mehr abruft. 

Solltest du noch Social Media nutzen, kannst du dir überlegen, die Social-Media-Apps während der Feiertage zu deinstallieren. Das mag aufwendig klingen, aber das sind tatsächlich nur ein paar Klicks. Und wenn du dann die Apps nach deinem Urlaub wieder installierst, musst du einfach nur noch mal die Kamera und das Mikrofon für die Storys usw. freigeben, und viel mehr Aufwand ist es auch gar nicht. 

Dafür wirst du dann nicht in Versuchung geführt, mal auf Insta nach dem Rechten zu sehen oder sinnlos durch den Feed zu scrollen, sondern kannst die Auszeit auch natürlich mit einer kleinen Social-Media-Auszeit verbinden.

Und falls du dich unwohl fühlst, so lange weg zu sein, kannst du zum Beispiel in einem Post deinen Urlaub ankündigen oder auch in der Bio schreiben, wann du wieder zurückkommst.

Selbst wenn du Messenger wie WhatsApp in der Kommunikation mit deinen Kund*innen nutzt, kannst du deine Abwesenheit in den Status schreiben, sodass auch auf diesem Wege klar wird, wann mit einer Antwort zu rechnen ist. 

Und ja: Das sollte es im Großen und Ganzen gewesen sein:

  • Wir haben unsere Auszeit festgelegt.

  • Wir haben sie in den Kalender eingetragen.

  • Wir haben sie auf allen unseren Kanälen kommuniziert.

  • Wir haben die wichtigsten Dinge abgeschlossen, Termine und Aufgaben gecheckt und einen Shutdown gemacht, sodass wir den Laptop in die Schublade packen können.

  • Und schließlich haben wir unser Smartphone auszeit-ready gemacht und die üblichen Verdächtigen deinstalliert, sodass wir nicht mehr in Versuchung geführt werden, während unseres Urlaubs Storys von unseren Plätzchen zu machen.

Ich wünsche dir entspannte Feiertage mit ein bisschen weniger Scrollen und ein bisschen mehr Leben.

Shownotes:

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Social-Media-Kritik Alexandra Polunin Social-Media-Kritik Alexandra Polunin

Digital Detox, Social-Media-Auszeit & Co: Was ich alles ausprobiert (und wieder verworfen) habe

In dieser Podcastfolge möchte ich mit dir über die verschiedenen Formen von Digital Detox und Social-Media-Auszeiten sprechen und dir erzählen, was ich in der Vergangenheit mit welchem Erfolg ausprobiert habe. Spoiler: Letzten Endes haben mir die Pausen und digitalen Entgiftungskuren nicht geholfen und mich zu der Erkenntnis gebracht, dass ich meine Social-Media-Kanäle löschen will.

In dieser Podcastfolge möchte ich mit dir über die verschiedenen Formen von Digital Detox und Social-Media-Auszeiten sprechen und dir erzählen, was ich in der Vergangenheit mit welchem Erfolg ausprobiert habe. 

Spoiler: Letzten Endes haben mir die Pausen und digitalen Entgiftungskuren nicht geholfen und mich zu der Erkenntnis gebracht, dass ich meine Social-Media-Kanäle löschen will.

Folge anhören:

Dazu passt auch folgender Blogartikel:

„Hilfe, ich brauche eine Social-Media-Pause!“

Transkript lesen:

Hast du schon einmal eine Pause von Social Media gemacht? 

In der ARD/ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2022 gaben 41% der Befragten an, bereits mindestens einmal einen Digital Detox gemacht zu haben. 

Und in der heutigen Podcastfolge möchte ich mit dir über die verschiedenen Formen von Social-Media-Pausen und -Auszeiten sprechen und dir erzählen, was ich in der Vergangenheit mit welchem Erfolg ausprobiert habe. 

Und ich möchte dir auch erzählen, warum all diese Pausen und Auszeiten und Entgiftungen mir nicht wirklich geholfen haben und ich mich letzten Endes dazu entschieden habe, Social Media zu löschen.

Okay, ich würde sagen, wir starten ganz sachte und klären erst einmal die Basics:

Wenn du zu denjenigen gehörst, bei denen das Smartphone minütlich oder sekündlich bimmelt und du dich vor lauter Störungen nicht mehr konzentrieren kannst, ist die erste naheliegende Handlung vermutlich, die Push-Benachrichtigungen zu deaktivieren.

Die Idee dahinter ist: Wenn dich die ständigen Benachrichtigungen über neue Likes, Kommentare oder DMs stören, schalte sie aus und voilà: Du hast endlich Ruhe und Frieden.

Viele Selbstständige schwören darauf, Pushbenachrichtigungen zu deaktivieren. Bei mir hat diese Strategie aber keine Erleichterung gebracht, sondern die Situation tatsächlich noch verschärft.

Denn ich wurde dann zwar nicht mehr bei meiner Arbeit gestört, ja. Aber da ich nun nicht mehr wusste, ob ich einen Like, Kommentar oder eine DM hatte, begann ich etwas, was man nur als „Exzessive Checkeritis“ bezeichnen kann: Ich hatte diesen unbändigen Drang, mein Smartphone zu checken und zwar minütlich.

Irgendwann bestand gefühlt mein halbes Leben aus „Checken“. Nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch abends, am Wochenende und mit der Familie.

Und dass es nicht unbedingt ein Allheilmittel ist, die Pushbenachrichtigungen auszustellen und zu FOMO und Ängsten führen kann, wurde auch mal von einer Studie bestätigt.

Eine zweite Strategie, die ich ausprobiert habe, war, meinen Feed zu gestalten, wie es immer so schön heißt.

Und vielleicht kennst du diese Haltung auch, also dass man sagt: 

Na ja, wir haben ja selbst in der Hand, wem wir folgen und welche Beiträge wir sehen. Deshalb müssen wir uns einfach ein bisschen damit beschäftigen und schwupps, haben wir nur Menschen in unserem Feed, die uns inspirieren und motivieren.

Das klingt natürlich sehr vielversprechend und deshalb habe ich viel Zeit damit verbracht, die Accounts, denen ich folgte, auszumisten und einen Social-Media-Frühjahrsputz einzulegen und Menschen zu entfolgen oder wenn ich mich das nicht so ganz traute, sie zu muten oder – ganz blöde Accounts – zu blockieren. 

Doch das Problem war:

  • Solch eine kontinuierliche Pflege eines Social-Media-Accounts braucht Zeit – und das war es mir schlicht und einfach nicht wert. Ich könnte spontan 1000 Dinge aufzählen, die ich lieber machen würde, als mich damit zu beschäftigen, wem ich wo und warum folge oder nicht …

  • Das Muten, Blockieren usw. ist auch einfach wenig nachhaltig. Meist kommt schon nach wenigen Stunden der nächste aufdringliche Bro-Marketer, der unbedingt blockiert werden will.

  • Und selbst wenn ich mich nur noch mit Menschen, Marken und Themen umgebe, die ich liebe – an der grundsätzlichen Funktionsweise von Social Media ändert das natürlich nichts.

Deshalb habe ich irgendwann noch einen draufgesetzt und bin allen Accounts auf Instagram entfolgt. Einfach mal, um zu gucken, was mit mir und anderen Menschen dadurch passiert.

Ja, ob das eine empfehlenswerte Strategie ist?

Sagen wir mal so – es gab gemischte Reaktionen:

  • Die einen empfanden dieses Experiment als sehr „unsozial“, meinten, dass solch ein „einseitiges“ Folgen nicht Sinn und Zweck von Social Media ist, und entfolgten mir augenblicklich auch. 

  • Die anderen feierten das Experiment, meinten, dass sie heimlich auch davon träumen, sich das aber nicht trauen würden, und nahmen es – so zumindest mein Eindruck – nicht persönlich.

Für mich hatte das Experiment damals eine Menge über mich und mein Verhältnis zu Instagram offenbart:

  • Zum Einen: Es ist erschreckend, wie automatisch ich zum Smartphone greife und Instagram öffne, wenn ich warte oder eigentlich Pause machen will.

  • Es ist überraschend, wie schnell sich dieser Automatismus auch wieder legt, wenn man irgendwann versteht: Da gibt es nichts zu sehen.

  • Es ist herrlich, welch Ruhe im Kopf einkehrt, wenn man nicht den halben Tag damit verbringt, Content zu konsumieren.

  • Und es ist spannend, nach Jahren mal wieder die eigene Stimme zu hören, weil sie mal nicht durch Meinungen von Expert*innen überlagert wird.

Und als ich nach rund einer Woche zu Business as usual zurückkehrte und anfing, meinen Lieblingsaccounts wieder zu folgen, wusste ich, dass das ein Fehler war.

Nicht, weil ich die Menschen nicht mochte. (Viele von ihnen mochte ich sogar sehr.) Nicht, weil mich die Themen nicht interessierten, sondern weil der Content-Overload und die grundsätzliche Funktionsweise von Social Media das eigentliche Problem waren.

Ich hab schon in der letzten Podcastfolge erzählt, dass achtsames Social-Media-Marketing für mich nicht funktioniert hat, aber es ist natürlich immer noch eine Option, die vielleicht für dich spannend ist.

Es geht beim achtsamen Social-Media-Marketing darum, gesunde Gewohnheiten im Umgang mit sozialen Medien zu etablieren, sodass wir langfristig eben gesund bleiben und soziale Medien uns nicht auslaugen.

Und eine gute Möglichkeit ist hier zum Beispiel das Ritual, zum Wochenende hin die Social-Media-Apps zu deinstallieren.

Also am Freitagnachmittag Insta und Co. vom Smartphone schmeißen und Montagmorgen wieder installieren. 

Und dazwischen hat man eben ein herrlich entspanntes Wochenende, in dem man nicht versucht ist, irgendwas zu checken oder eine Story zu posten, obwohl wir gerade ja eigentlich gar nicht arbeiten wollen.

Natürlich können wir die Apps auch zu allen anderen Anlässen deinstallieren: 

  • wenn wir mal eine Woche konzentriert an einem Projekt arbeiten wollen

  • im Urlaub

  • an Weihnachten

  • usw.

Den Aufwand dahinter fand ich übrigens auch gar nicht schlimm. Nur habe ich mich irgendwann bei dem Gedanken ertappt „Oh schade, schon wieder Montag“ und deshalb musste ich mir irgendwann eingestehen, dass es mir eben nicht reicht, die Apps für zwei Tage zu deinstallieren, sondern dass ich grundsätzlich keine Lust mehr darauf habe.

Eine gute Kombi mit dem App-Deinstallieren ist übrigens, Social Media ausschließlich über den Desktop zu nutzen.

Das funktioniert z.B für Facebook oder Instagram ganz gut, solange man nicht ständig Storys posten oder live gehen will.

Auf Facebook kann man sich problemlos im Browser einloggen.

Und auch Instagram-Content kann man inzwischen vom Creator Studio aus posten, wenn der Instagram-Account mit Facebook verknüpft ist. 

Und Liken, Kommentieren und Nachrichten schreiben kann man über den Desktop natürlich auch. 

Doch auch hier war mir das mit der Zeit einfach zu wenig. Ich war dann zwar weniger abends und am Wochenende auf Social Media, doch auch über den Desktop bin ich regelmäßig auf Facebook oder Instagram hängengeblieben.

Ich habe also immer noch eine Auswirkung auf meinen Fokus und meine Produktivität gespürt. Und deshalb mir auch hier letzten Endes eingestanden, dass mir das nicht reicht.

Viele Online-Unternehmer*innen gehen noch einen Schritt weiter und sourcen ihr Social-Media-Marketing komplett an eine virtuelle Assistenz aus. Der Gedanke ist, dass man so weniger mit Social Media zu tun hat, ohne seine Accounts gleich löschen zu müssen.

Und auch ich habe es zweimal versucht, mein Instagram-Marketing outzusourcen. Doch fand, dass es in der Praxis gar nicht mal so leicht war.

Denn erstens:

Es ist herausfordernd, jemanden zu finden, der oder die sich wirklich – und ich meine: wirklich wirklich – gut mit dem eigenen Thema auskennt. Natürlich können sich VAs grundsätzlich in Themen einarbeiten, ganz klar. Nur ich fand, dass es für mein nerdig-nisches Pinterest-Thema damals eben nicht sooo super funktionierte. Und ich bin wirklich keine kontrollsüchtige Tante, die grundsätzlich nichts aus der Hand geben kann. Es mag für einige Themen ganz gut funktionieren, doch für manche Themen ist es nicht so leicht. Das höre ich immer wieder auch von anderen Onlineunternehmer*innen.

Und das zweite Problem beim Outsourcen ist das Interagieren.

Selbst der besten virtuellen Assistenz der Welt hätte ich es persönlich nicht zugetraut, meine Art zu reden, zu schreiben und unpassende GIFs zu verschicken, zu lernen oder gar zu kopieren. 

Das heißt: Sobald es dann ums Interagieren ging, hätte ich sowieso wieder rangemusst. Und deshalb hätte ich mich weiterhin mit Social Media beschäftigen müssen. 

Ich hätte das Thema auch mit Outsourcen also nicht annähernd so aus meinem Kopf kriegen können, wie ich mir das wünschte.

Ja und deshalb war Outsourcen letzten Endes auch nicht die Lösung für mein Problem mit Social Media und ich musste einen radikaleren Weg gehen.

Doch bevor ich das tat, probierte ich es ganz lange mit einem Social-Media-Detox.

Detox bedeutet ja, wie du sicherlich weißt, „Entgiften“ und soll den Körper reinigen. Der Begriff ist schon lange nicht mehr nur für Ernährung reserviert, sondern auch für Social Media.

Die Idee dahinter ist:

Innerhalb eines bestimmten Zeitraums (einer Woche zum Beispiel oder eines Monats) verzichten wir bewusst auf Social Media. Und danach haben wir uns „entgiftet“ und fühlen uns wieder frisch und erholt, sodass wir wieder mehr Kraft für den Social-Media-Wahnsinn haben.

Hört sich vielleicht vielversprechend an, bei mir hat aber auch das nicht wirklich funktioniert.

Zum einen ist der positive Effekt maximal kurzfristig. Und sobald ich mich wieder in Social Media einlogge, sind die alten, ungesunden Gewohnheiten auch sofort wieder da. Das dauert in der Regel keine zwei, drei Tage.

Und zum anderen habe ich mich irgendwann gefragt:

Wenn ich mich ständig „entgiften“ muss, sollte ich da nicht lieber überlegen, warum ich mich die ganze Zeit über einem „Gift“ aussetze, das mir ja so offensichtlich schadet?

Deshalb denke ich inzwischen, dass ein Detox vielleicht eine sinnvolle erste Notfall-Maßnahme sein kann, wenn soziale Medien akut überfordern. Doch idealerweise sollte ein Detox der Ausgangspunkt für eine grundlegende Änderung der Social-Media-Gewohnheiten werden. Denn sonst hangelt man sich, so wie ich früher, einfach nur noch von Detox zu Detox, ohne dass sich wirklich etwas nachhaltig verändert. 

Ja, wir sind am Ende dieser Podcastfolge angelangt. Und das Ende war für mich persönlich: anzuerkennen, dass alle Formen und Möglichkeiten, meinen Social-Media-Konsum zu regulieren, langfristig mein Problem mit Social Media nicht lösen werden.

Letzten Endes haben für mich drei Punkte den Ausschlag gegeben, meine Kanäle zu löschen:

  • Meine mentale Gesundheit: Ich wusste, dass ich als introvertierter Mensch mir mit Social Media eher schade, als dass ich mir was Gutes tue. Und dass ich so langfristig krank werde.

  • Ein weiterer Punkt war meine Freude: Sie ist mir mit Social Media völlig abhandengekommen, denn ich empfand es als total ätzend, mich tagaus, tagein mit Aufgaben busy zu halten, die mich so überhaupt gar nicht erfüllten.

  • Und schließlich: meine anderen Strategien: Mit meinem Blog, Newsletter und Netzwerk hatte ich genügend andere Möglichkeiten, online gefunden zu werden und Kund*innen zu gewinnen. 

Und deshalb sind meine Social-Media-Kanäle nun seit ein paar Jahren gelöscht.

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Social-Media-Kritik Alexandra Polunin Social-Media-Kritik Alexandra Polunin

Achtsames Social-Media-Marketing? Reicht mir nicht (mehr)

In dieser Folge reden wir über achtsames Social-Media-Marketing. Wenn du selbstständig bist und auf Social Media unterwegs bist, hast du sicherlich schon vom achtsamen Social-Media-Marketing gehört oder praktizierst es vielleicht sogar selbst. Doch was bedeutet es, wenn alle nur noch ihren Social-Media-Frust wegatmen, statt wirklich etwas zu verändern?

In dieser Podcastfolge reden wir über achtsames Social-Media-Marketing und welche zwei großen Probleme damit einhergehen. 

Wenn du selbstständig bist und auf Social Media unterwegs bist, hast du sicherlich schon vom achtsamen Social-Media-Marketing gehört oder praktizierst es vielleicht sogar selbst. Vielleicht bemühst du dich darum, deine Zeit zu tracken, nutzt Apps, um deinen Feed zu blockieren und legst immer wieder mal einen Digital Detox ein. 

Doch was bedeutet es für das „große Ganze“, wenn alle nur noch ihren Social-Media-Frust wegatmen, statt wirklich etwas zu verändern?

Folge anhören:

Transkript lesen:

Heute möchte ich mit dir über achtsames Social-Media-Marketing reden.

Was das ist.

Warum ich das selbst nicht praktiziere oder nicht mehr praktiziere, muss man ehrlicherweise sagen.

Und was an diesem Konzept „achtsames Social-Media-Marketing“ möglicherweise problematisch sein könnte.

Wenn du selbstständig bist und Marketing machst, hast du sicherlich schon vom achtsamen Social-Media-Marketing gehört. 

Es geht im Grunde darum, zu sagen: 

Ja, soziale Medien kommen mit einer Menge Risiken, Nachteilen und, ja, Gefahren sogar. Doch wir können soziale Medien auf eine achtsame Art und Weise nutzen. So, dass es uns gut dabei geht.

Diese Position finden, glaube ich, viele Menschen sehr attraktiv, denn sie klingt erst einmal nicht so ganz radikal. 

Es geht dann nicht mehr darum, Social-Media-Betreiber wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk zu kritisieren, oder ihr Geschäftsmodell zu kritisieren, es geht auch nicht darum, Social Media gleich vollständig den Rücken zu kehren und dadurch möglicherweise Nachteile in Kauf zu nehmen, sondern wir fokussieren uns erst einmal auf uns und gucken: 

Was kann ich dafür tun, damit soziale Medien mir gut tun? 

Ja, und dann geht es um solche Fragen wie:

Kann ich bestimmte Gewohnheiten etablieren? Und z.B. immer zum Wochenende hin die App deinstallieren und montags wieder installieren?

Oder kann ich bestimmte Apps oder Programme nutzen, die den Feed blockieren? Sodass nicht eben allzu abgelenkt werde, wenn ich „nur mal schnell“ was nachsehen oder jemandem eine DM schreiben will.

Oder auch: Kann ich meine Zeit tracken, sodass ich immer eine festgesetzte Zeit nicht überschreite?

Oder der absolute Klassiker: Einen Digital Detox einlegen und mal eine schöne Auszeit von Social Media nehmen, um dann mit neuer Kraft wieder von vorne zu beginnen.

Ich will auch da jetzt auch gar nicht ins Detail gehen, was diese Strategien angeht. Dafür wird es schon bald eine separate Folge geben.

Ich will lieber grundsätzlich etwas zu dieser Art des Denkens sagen und dir zwei Probleme mal genauer vorstellen, die sich aus einem achtsamen Social-Media-Marketing ergeben.

Problem Nr. 1 und das ist auch gleich das größte Problem für mich:

Achtsames Social-Media-Marketing – wie es von vielen Coaches gelehrt wird – ist komplett unpolitisch und wird nichts am System Social Media ändern.

Denn eigentlich ist es ja so: Da haben sich einige Menschen ein Geschäftsmodell ausgedacht, das in vielerlei Hinsicht problematisch ist. Was den Datenschutz angeht oder eben auch die mentale Gesundheit von Menschen.

Und immer häufiger stellen soziale Medien auch sogar ein Risiko für Demokratien dar, z.B. indem sie genutzt werden, um Wahlen zu manipulieren oder Falschnachrichten zu verbreiten. 

Doch was jetzt im achtsamen Social-Media-Marketing passiert, ist, dass diese Verantwortung, die ja eigentlich bei Mark Zuckerberg und Co. liegt, soziale Medien gerade so zu gestalten, dass sie Menschen nicht schaden.

Dass diese Verantwortung jetzt aber auf uns Nutzer*innen übertragen wird. Und gesagt wird: Es ist deine Aufgabe, soziale Medien so zu gestalten, dass sie dir gut tun.

Also oft wird es nicht so direkt gesagt, sondern: Ja, du kannst soziale Medien so nutzen, dass sie dir gut tun. 

Aber dahinter steckt ja die nicht explizit kommunizierte Annahme, dass wir dafür verantwortlich sind, das zu tun.

Und in meinen Augen sind wir das aber nicht. 

Die Plattformbetreiber und die Politik ist dafür verantwortlich, soziale Medien so zu gestalten, dass sie Menschen gut tun. Oder zumindest nicht so schlecht tun, wie sie es gerade tun.

Vielleicht könnten es Plattformen sein, die nicht privatisiert sind, sondern vielleicht öffentlich-rechtlich und wo damit nicht die Notwendigkeit besteht, das Geschäftsmodell mit den Daten zu verfolgen.

Mastodon bzw. das Fediversum macht es uns ja zum Beispiel vor, dass das prinzipiell möglich wäre. 

Achtsames Social-Media-Marketing will aber am aktuellen System Social Media nichts ändern oder zumindest wird es von den Coaches so nicht kommuniziert. Und das muss für mich aber mit Social Media passieren. Und zwar dringend.

Das ist immer ein bisschen so, wenn ich von männlichen Achtsamkeitscoaches lese: 

„Du entscheidest selbst, ob du dich über Geschirr spülen aufregst. Du kannst dich natürlich gerne mit deinem Partner streiten. Oder du kannst auch einfach mal beschließen, den Moment zu genießen, das warme Wasser zu spüren, zu atmen.“

Solche Ratschläge finde ich persönlich nur sehr schwer zu ertragen. Denn das lässt ja völlig die gesellschaftspolitische Ebene außen vor und damit Themen wie Gender Care Gap und die extrem ungleiche Verteilung von Sorgearbeit.

Ja, das heißt: Wenn wir jetzt alle hergehen und das Geschirrspülen genießen und es niemanden mehr gibt, der darüber wütend wird und mal was sagt, wird sich vermutlich auch nichts an dem System ändern. 

Und bei Social Media ist es genauso. Wenn wir jetzt alle achtsam sind und meditieren oder was weiß ich, klingt das zwar schön, doch damit muss sich das System Social Media nicht ändern. 

Total praktisch also für diejenigen, die Social-Media-Plattformen betreiben. Aber ich finde es eine ziemlich unbefriedigende Vorstellung.

Damit hängt auch Problem Nr. 2 zusammen.

Achtsames Social-Media-Marketing ist letzten Endes eine Form von Selbstoptimierung.

Denn jetzt geht es plötzlich nicht mehr um ein möglicherweise problematisches System Social Media, sondern darum, Social Media „richtig“ oder „falsch“ zu nutzen. „Achtsam“ oder „Unachtsam“ eben.

Es geht um Gewohnheiten und Tools und um unser „Mindset“, wie es immer so schön heißt. Es geht also um Arbeit an uns selbst.

Das heißt, wir müssen auf einmal nicht nur Social Media nutzen, um Marketing zu betreiben. Wir müssen nun auch an uns arbeiten, um Social Media zu nutzen.

Und ich kam zu dem Schluss, dass ich diese Arbeit an mir selbst nicht (mehr) leisten wollte.

Denn diese Form der Arbeit ist ein Lebensprojekt. Wenn sich soziale Medien nicht ändern und erst einmal so sein werden, wie sie gerade sind, sind wir ja auch niemals fertig mit dieser Form der Achtsamkeit. 

Wir müssen von jetzt bis in alle Ewigkeit unsere Instagram-Nutzung im Blick haben und unser Social-Media-Verhalten managen. 

Und dann stellt sich natürlich die Frage, ob wir das so wollen. Ob wir für den Rest unseres Lebens oder zumindest auf unbestimmte Zeit unser Social-Media-Verhalten so regulieren und optimieren wollen und uns um diese Form der Achtsamkeit bemühen.

Mir ist meine Zeit und meine Energie dafür zu schade. Und deshalb ist achtsames Social-Media-Marketing keine Option mehr für mich.

Wir brauchen aus meiner Sicht nicht mehr Atemübungen und Tools, die den Feed blockieren; wir brauchen mehr Social-Media-Kritik, mehr gesetzliche Regelungen, mehr Social-Media-Boykotte – am besten von großen Marken und Unternehmen. 

Wir brauchen radikale Veränderungen. Und nicht einen weichgespülten Status quo.

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Social Media löschen meets Privilegien

In dieser Podcastfolge spreche ich darüber, was ein Social-Media-Ausstieg mit Privilegien zu tun hat und warum Marketingmenschen grundsätzlich mehr über ihre eigenen Privilegien reden sollten.

In dieser Podcastfolge spreche ich darüber, was ein Social-Media-Ausstieg mit Privilegien zu tun hat und warum Marketingmenschen grundsätzlich mehr über ihre eigenen Privilegien reden sollten.

Folge anhören:

Transkript lesen:

Heute möchte ich über Privilegien sprechen. Denn gerade in der Onlinemarketing-Bubble finden wir ja immer wieder dieses Narrativ:

„Ich hab das und das geschafft, und du kannst es auch.“

Und das ist natürlich völliger Quark, denn nur weil eine Person irgendetwas schafft, heißt es noch lange nicht, dass es auch andere Personen schaffen. 

Denn jeder Mensch ist anders und kommt mit einem ganz unterschiedlichen Set an Fähigkeiten, Ressourcen und Erfahrungen daher.

Und deshalb können wir nicht davon ausgehen, dass alle Menschen auf der Welt oder von mir aus hier in Deutschland über dieselben Möglichkeiten verfügen wie wir. 

Ich würde mir sehr wünschen, dass Marketingmenschen viel häufiger offenlegen würden, welche Privilegien sie haben, sodass Menschen besser einschätzen können, ob ihre Ratschläge überhaupt für sie realistisch sind oder nicht.

Und genau das will ich heute tun. 

Ich starte aber erst einmal mit einem Beispiel. 

Du kennst vielleicht GaryV, den, ja, Marketing- oder Motivationspapst oder wie auch immer man ihn nennen will.

Und wenn GaryV seine Bücher schreibt oder auf irgendwelchen Bühnen spricht, dann klingt das immer ungefähr so:

Du musst hustlen.

Und jeden Tag alles geben.

Und wenn du am Wochenende nicht arbeitest, dann musst du dich nicht wundern, dass du nicht erfolgreich bist.

Und: No excuses. 

Hustle and Grind.

Usw. 

Ich muss zugeben, dass ich früher, zu Beginn meiner Selbstständigkeit, selbst GaryV gelesen und seine Botschaften aufgesogen habe wie ein Schwamm, und gleichzeitig hab ich mich bei seinen Reden dann immer furchtbar schlecht gefühlt, denn damals war mein jüngster Sohn vier Jahre alt. 

Und ja, auch wenn er kein kleines Baby mehr war, wollte ich dennoch nicht unbedingt am Wochenende arbeiten. Aber laut Gary V. ist das aber eine Ausrede. Tja.

Nun hat GaryV selbst zwei Kinder und da stellt sich natürlich die Frage: Hat er sie vernachlässigt, während er jedes Wochenende durchgearbeitet hat und sich niemals Urlaub genommen hat oder haben sie sich selbst groß gezogen oder was ist da genau passiert?

Und ich will es jetzt nicht besonders spannend machen und vielleicht ahnst du es auch schon, aber in einem Blogartikel hat GaryV mal erzählt, dass all sein Erfolg nicht möglich wäre, wenn seine Frau Lizzie ihm nicht den Rücken freigehalten hätte.

Tja. Da gibt also ein sehr privilegierter Mann anderen Menschen – und darunter eben auch Menschen, die Kinder haben – immer wieder diese Tipps zum Dauerhustle und betitelt alles als Ausrede, während seine Frau seinen Kindern Schulbrote schmiert und mit ihnen zum Zahnarzt geht oder was auch immer da gerade so anfällt.

Natürlich ist es in so einem Fall viel leichter, ein Business aufzubauen und Marketing zu machen, als wenn man eben doch selbst für Kinder verantwortlich wäre. Oder wenn man beispielsweise alleinerziehend wäre oder verwitwet.

Das ist also ein riesengroßes Privileg für Gary, dass er all seine Zeit und Energie in sein Business stecken kann. 

Und anstatt das so anzuerkennen und vielleicht auch in seinen Marketinginhalten zu reflektieren, tut GaryV genau das Gegenteil. 

Er tut so, als könnte jeder Mensch das leisten, was er leistet. 

Und wenn jemand seine Frau in den Kommentaren erwähnt, löscht sein Social-Media-Team anscheinend diese Kommentare.

Und das ist aus meiner Sicht kein großes Vorbild.

Ja, aber Privilegien haben natürlich nicht nur diejenigen, die sich nicht mit Care-Arbeit befassen müssen, es gibt viele weitere Faktoren für Privilegien.

Die Herkunft zum Beispiel kann ein Privileg sein, die Hautfarbe oder die Religion. Es kann sein, dass wir dabei niemals auf Probleme stoßen werden in der Gesellschaft, weil wir zufälligerweise der Mehrheit angehören, es kann aber sein, dass wir aufgrund unserer Herkunft, Hautfarbe oder Religion Diskriminierungserfahrungen machen.

Es kann sein, dass wir aufgrund einer Krankheit oder Behinderung mehr Pausen brauchen oder schlicht mehr Zeit. Oder weil wir Angehörige pflegen oder für unsere Kinder da sind.

Und deshalb können und sollten wir Marketingberater*innen eben nicht davon ausgehen, dass alle Menschen, die wir erreichen, über dieselben Voraussetzungen und Möglichkeiten verfügen.

Und das bringt uns jetzt zu der Frage, was ein Social-Media-Ausstieg mit Privilegien zu tun hat. Und natürlich auch von welcher Position aus ich eigentlich meine Ratschläge gebe.

Und das will ich hiermit ganz offen sagen, damit du besser für dich einschätzen kannst, ob meine Ratschläge auch für dich realistisch sind oder nicht.

Zunächst einmal: Ich bin eine Frau und verheiratet mit einem Mann. Das heißt, ich habe das Glück, dass ich mir nicht sonderlich viele Gedanken über mein Geschlecht und meine Identität machen muss. Das passt im Großen und Ganzen zu den gesellschaftlichen Vorstellungen und erspart mir deshalb natürlich eine Menge Zeit, Energie und Hirnschmalz, die Menschen, die eben nicht zu der Heteronormativität in der Gesellschaft passen, aber aufwenden müssen.

Und natürlich ist es für mich als verheiratete Frau so: Sollte etwas sein, dann ist es für mich nicht existenbedrohend. Es ist natürlich ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass da ein Sicherheitsnetz da ist, wenn man so will. Selbst wenn ich das gar nicht in Anspruch nehme, ist das ein großes Privileg. 

Und vielleicht ist es vor diesem Grund auch leichter für mich, mutig zu sein und z.B. meine Social-Media-Kanäle zu löschen, als für jemanden, der oder die dieses Privileg nicht hat.

Ich habe zwei Kinder, was für mich Care-Arbeit bedeutet, aber ich teile mir die Care-Arbeit mit meinem Partner und die Kinder sind auch schon größer, um nicht zu sagen, jugendlich, sodass sie von mir gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit und Betüddelung erwarten. Trotzdem ist es mir immer noch wichtig, Familienzeit zu haben und deshalb eindeutig nicht zu hustlen.

Ich habe einen Migrationshintergrund, würde aber sagen, dass ich hier nicht weiter damit „auffalle“, außer vielleicht mit meinem Nachnamen. Es ist nicht so, dass meine Herkunft mir täglich irgendwelche Benachteiligungen beschert. Aber zusätzliche Emotionsarbeit auf jeden Fall, denn gerade der Krieg in der Ukraine hat eine Menge getriggert und wieder hervorgebracht bei mir. 

Ich bin nicht neurotypisch, das heißt, ich finde verschiedene Elemente von Neurodiversität bei mir, und, ja, muss dadurch schon auf mich achten, dass ich genügend Ausgleich zu Reizen bekomme. Und das ist sicherlich einer der Gründe, warum es so eine gute Idee für mich war, Social Media zu verlassen. 

Ja, das sind die Privilegien, die ich mitbringe oder eben nicht mitbringe. Es ist, wie du siehst, eine bunte Mischung. Es gibt sicherlich Aspekte, wo ich sagen würde, da habe ich eine zusätzliche Belastung, z.B. durch meine Herkunft oder die Neurodivergenz. Aber im Großen und Ganzen bin ich, verglichen mit anderen Frauen auf der Welt, eine weiße, heterosexuelle Frau, mit einem Partner, der sich selbst als Feminist bezeichnet, und damit eben extrem privilegiert.

Und was bedeutet das jetzt in der Praxis?

Gucken wir uns zum Beispiel mal die Hautfarbe an: 

Als weiße Frau habe ich im Alltag nicht mit Rassismus zu kämpfen und in den USA ist es so zum Beispiel so, dass gerade Schwarze Frauen soziale Medien nutzen, um sich zu vernetzen und sich über strukturelle Diskriminierung auszutauschen. Verständlicherweise natürlich.

Laut einer Studie nutzen Frauen öfter soziale Medien als Männer und Schwarze Frauen öfter als weiße Frauen.

Das heißt, es kann jetzt also sein, dass für mich als weiße Frau die Notwendigkeit, soziale Medien zu nutzen, einfach viel geringer ist, als für eine Schwarze Frau. 

Da gibt es meines Wissens noch sehr wenig Forschung dazu. Und ja, solange gilt, sich dessen bewusst zu sein, dass es anderen Menschen da anders gehen könnte.

Und natürlich spielt mein Wohnort Deutschland und mein Einkommen eine wichtige Rolle dabei, auf Social Media verzichten zu können. Denn wenn wir uns andere Länder angucken, erweist sich das alles andere als selbstverständlich.

Die Philippinen zum Beispiel, da nutzen 96% der Menschen Facebook, weil es kostenlos ist und in der Regel auf Smartphones vorinstalliert ist. Courtesy of Mark Zuckerberg natürlich.

Und Facebook zu verlassen in einem Land, in dem Facebook so eng mit dem Internet als solchem verknüpft ist, ist natürlich etwas völlig anderes, als das in einem Land zu tun, in dem die Menschen dich zu der Entscheidung beglückwünschen und es feiern, wenn du Facebook verlässt.

Deshalb: Ja, Social Media zu verlassen ist eindeutig ein Privileg. Ein großes Privileg sogar, das viele Menschen auf der Welt aus den verschiedensten Gründen nicht haben gerade. 

Dessen bin ich mir bewusst, wenn ich über das Thema SOCIAL MEDIA FREI spreche. 

Und gleichzeitig möchte ich dich dazu einladen, zu gucken, was in deinem Rahmen möglich ist, wenn Social Media wirklich ein Problem für dich darstellt. Ich vermute: Vor allem für neurodivergente Personen kann ein Social-Media-Ausstieg enorm zum Wohlbefinden beitragen.

Vielleicht kannst du wegen deiner speziellen Situation nicht alle Kanäle auf einmal löschen, sondern erst einmal nur den einen, der dich am meisten nervt.

Oder vielleicht geht es bei dir langsamer als bei den Menschen, die privilegierter sind.

Doch egal, wie es bei dir aussieht, ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du da deinen eigenen Weg findest.

Shownotes:

Studie zur Social-Media-Nutzung Schwarzer Frauen

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